Es ist eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, nicht zu wissen, wie es mit dem eigenen Job weitergeht. Schnell kursieren Gerüchte, die für viel Gesprächsstoff sorgen. Existenzängste werden geschürt, die wiederum alles andere als gut fürs Gemeinwohl sind. Genau so muss es den Reiff-Mitarbeitern gehen, die seit Mitte Februar quasi in der Luft hängen. Nachdem vor gut drei Wochen bekannt wurde, dass das Unternehmen insolvent ist, ist für die Betroffenen unklar, wie es weitergehen soll. Und das ausgerechnet jetzt - kurz vor Frühlingsbeginn, wo traditionell der Winterreifenwechsel bevorsteht. Denn in den Werkstätten und im Montagebereich gibt es derzeit nichts zu tun. Wie auch, wenn keine Reifen geliefert werden. Die Mitarbeiter fühlen sich hilflos und alleine gelassen. Leider trägt die Geschäftsführung in Person von Geschäftsführer Francesco Saccani auch nicht gerade zur Erleuchtung der verfahrenen Situation bei. Völlig frustriert sagte ein Mitarbeiter: „Uns wird die Chance genommen zu arbeiten und Umsatz zu machen, aber ohne Material kann ich auch nichts machen.

Die Kunden sind da, die Lieferanten wollen liefern, aber das wollen die anscheinend nicht“. Bei der hiesigen Gewerkschaft Ver.di ist man daher übelst verstimmt. Unzufrieden ist man dort nicht nur mit dem Verhalten der Geschäftsführung. Rechtsanwalt Miguel Grosser, aus Frankfurt, der zum vorläufigen Insolvenzverwalter benannt wurde, verweigere die Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat, so der gewaltige Vorwurf von Ver.di. Das Dilemma an dieser Sache ist – da Grosser derzeit nur der vorläufige Insolvenzverwalter ist --  hat er momentan kaum Befugnisse, aktiv über etwas zu entscheiden. Seine Aufgabe besteht lediglich darin, das Vermögen zu erhalten. Den Beschäftigten hilft dies allerdings im Moment wenig.  Sie tappen weiterhin im „Dunkeln“. Aus diesem Grund lud der Betriebsrat gemeinsam mit Ver.di am vergangenen Freitag zu einer großen Betriebsversammlung nach Reutlingen ein. Die Verantwortlichen sollen „Rede und Antwort stehen“. Schließlich geht es um circa 650 Arbeitsplätze an circa 31 Standorten, zum Beispiel im Großraum Reutlingen, Mössingen, Tübingen, Weingarten, Konstanz, Heidelberg, Mannheim sowie 10 Standorte im Raum München und Frankfurt des Netto-Reifen-Discount. Und tatsächlich folgten der Einladung rund 400 Beschäftigte. Und natürlich waren die meisten der Reutlinger Mitarbeiter anwesend. Doch weder ein Mitglied der Geschäftsführung noch der vorläufige Insolvenzverwalter waren dabei, um die Fragen der Mitarbeiter zu beantworten. Was für alle Beteiligten vor Ort eine arge Enttäuschung darstellte. Es hätte schlichtweg zum „Guten Ton“ gehört , dass sich jemand von der Geschäftsführung den Fragen der Mitarbeiter stellt. 


Und Miguel Grosser? Der vorläufige Insolvenzverwalter sei nach Aussage seines Sprechers Sebastian Brunner zeitgleich im Gespräch mit den Lieferanten gewesen, damit es an dieser Stelle weitergehen kann. Grosser schickte aber zwei Adjutanten ins Rennen, die allerdings seitens Ver.di nicht startberechtigt waren. Was für ein Durcheinander.  Momentan sei aber die Investorensuche gut gestartet vermeldet Frankfurt. Gut drei Wochen nach Beginn der vorläufigen Insolvenzverfahren für die 16 deutschen Fintyre-Gesellschaften gäbe es weitere Fortschritte.  „Die erste Resonanz darauf ist sehr gut. Es haben sowohl strategische wie auch Finanzinvestoren bereits ihr Interesse bekundet. Wenn wir weiterhin planmäßig vorankommen, dann können wir noch im März erste indikative Angebote erwarten. Unser Ziel ist weiterhin, so viel Arbeitsplätze wie irgend möglich zu erhalten“, so der vorläufige Insolvenzverwalter. Gut, wenn“s denn auch so passieren wird. Ver.di wird nun einen Antrag beim Arbeitsgericht in Frankfurt stellen und beantragen, dass der vorläufige Insolvenzverwalter zum starken Insolvenzverwalter bestellt werden soll, damit sich endlich wirklich was bewegen kann. Die Zeit ist knapp, um das so dringend benötigte Saisongeschäft zu machen, das circa 60 Prozent der Einnahmen ausmacht.  Ver.di kündigte am Freitag, 13. März an, weiter machen zu wollen, falls es bis dahin keine Neuigkeiten gibt. 

Kurz zu Reiff:
Die traditionsreiche Firma gehörte einst zum „Who is Who“ der Deutschen Wirtschaft. 2017 hatte die Reiff-Gruppe den Geschäftsbereich Reifen und Autotechnik an das herstellerunabhängige britische Unternehmen „European Tyres Distribution Limited“ verkauft. Von da an gehörten circa 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Baden-Württemberg zur „Fintyre Group“. Nach Angaben der Zeitschrift „Wirtschaftswoche“ hat die Fintyre-Group mit zuletzt 1,1 Milliarden Euro Umsatz für zahlreiche Tochterunternehmen in Deutschland Insolvenz angemeldet.