Altbundeskanzler Kohl sagte man eine Meisterschaft darin nach, Probleme auszusitzen. Da haben sich politische Gegner wie auch sogenannte Freunde in der eigenen Partei lange Zeit die Zähne ausgebissen. Wer vor Prüfungen steht, ob im Studium, Schule oder Ausbildung, sollte sich auf den Hosenboden setzen, um sein Ziel zu erreichen. Solch eine Strategie hilft allerdings nicht immer. Wenn sich ein Läufer auf den Hosenboden setzt, ist das eher kontraproduktiv.
Für den Radfahrer dagegen ist das Hinterteil unverzichtbar zur Ausübung seines Hobbys oder gar Berufes. Jochen Käß kann uns da ein Liedchen vorsingen. Der Ofterdinger Weltklasse-Mountainbiker, der dreimal hintereinander mit seinem kongenialen Partner Markus Kauffmann die Trans-Alp gewonnen hat, die Cape Epic gehört ebenso zu ihren bevorzugten Etappenrennen, bei denen ihre Gegner meist nur ihren Po von hinten sehen, also dieser Jochen Käß, auch schon mehrfach Deutscher Marathon-Meister, konnte nicht mehr sitzen. Die Andalusien-Rundfahrt, oftmals als großes Einrollen für die Rundfahrt in Südafrika gedemütigt, musste der Schwabe abbrechen, weil er Probleme mit dem Sitzfleisch hatte. Ein ausgewiesener Radfahrer, der sein Leben, sein Dasein über den Drahtesel definiert, der mehr Kilometer mit dem Zweirad als mit dem Auto fährt, so ein Mensch der stöhnt nicht nur vor Schmerz, weil er nicht sitzen kann, sondern leidet auch seelisch, wenn er nicht mehr strampeln kann. »Es war schon traurig. Es war das reinste Gefühlschaos.« Nachdem die Ärzte eine Flüssigkeitseinlagerung festgestellt hatten, ging es schnell. In der Tübinger BG kam Jochen Käß unters Messer, die Herren in Weiß entfernten ihm einen mirabellengroßen Schleimbeutel. Sitzen war nun gestrichen, Rad fahren sowieso. Selbst laufen fiel ihm schwer und schmerzte. Da der Profi-Mountainbiker nicht mehr auf seinem Drahtesel durchs Gelände düsen konnte, entschied sich der Ofterdinger für Naheliegendes. »Ich gehe langlaufen.« Drei Wochen verbrachte der Radfahrer ohne Rad in der Höhe im italienischen Livigno. »Das war die beste Entscheidung, die ich getroffen habe.« So konnte der Profi seine Form retten. Und plant schon fleißig seine Rückkehr in den Rennzirkus. Vor zehn Tagen begann er wieder mit dem Radtraining und verbringt seither seine Zeit auf dem Rad etwas anders: nämlich im Stehen. »Da muss ich jetzt durch. Die Narbe ist noch nicht ganz fest.« Fest im Blick hat Käß seinen Wiedereinstieg: Beim Mountainbike-Klassiker in Münsingen am 17. März stürzt er sich ins Renngeschehen. Auf der 45 Kilometer langen Strecke testet er erstmals wieder sein Sitzfleisch, wie viel Stehvermögen er dabei hat.     –diet