In keinem Alter gibt es für gesunde Menschen auch nur eine einzige Ausrede, sich nicht bewusst zu bewegen und körperlich zu fordern. Selbst wenn es Katzen hagelt. Immer wieder begegnen wir Zeitgenossen, die das mit einem Engagement, einer Euphorie und Disziplin vorleben. Karl Villgrattner steht dafür. Villgrattner? Da war doch was. Mit dem Namen verbindet man in Pfullingen, nein in ganz Deutschland den Pfullinger Handballtorwart. Michael stand beim VfL auch in Bundesliga-Zeiten seinen Mann im Tor und half immer wieder aus, wenn er gebraucht wurde. Dessen Sohn Luis tritt in die gleichen Fußstapfen, zog sich aber andere Schuhe an und bevorzugt das handballerische Feldspiel. Nun aber geht es nicht um Handball. Nun geht es um Karl Villgrattner, den Vater und Großvater dieser sportbegeisterten Familie, der diesen Keim in die Herzen der Kinder gelegt hat. Der 75-Jährige lebt es vor. Heute noch. Bei unserem Anruf holt ihn seine Frau vom Ergometer. Noch etwas außer Atem schildert er sein Tagesfrühsportprogramm mit Hanteln, Liegestützen, Gymnastik und Radfahren auf dem Ergometer mit zwei heftigen Sprints. So hält sich ein Rentner fit und freut sich daran. Er geht walken und fährt Fahrrad, draußen, nicht nur im Stand. Das taugt zum Vorbild, nicht nur für die Kinder, auch für viele andere. »Wenn man am Morgen gelaufen ist, dann hat der Tag einen anderen besseren Wert«, sagt Villgrattner. Und belässt es nicht beim Laufen oder Radfahren. Vor ein paar Jahren entdeckte der Südtiroler eine neue Sportart für sich, die er schon als kleiner Bub – damals aus Notwendigkeit – von seinem Großvater gelernt hat: Mit der Sense mähen. Vor acht Jahren weilte er mal wieder in seinem Geburtsland und bot sich als Erntehelfer an. Damit weckte er in sich das in Kindertagen Erlernte und Geübte des Sensenmähens wieder, seither hilft er jedes Jahr. Und er weckte auch einen sportlichen Ehrgeiz, denn im Sense mähen werden auch Meisterschaften ausgetragen.
Vor fünf Jahren meldete sich der Pfullinger in Murrhardt an. »Als ich die Sensen gesehen habe, wollte ich gleich wieder heimfahren«. Sie als Klompp zu bezeichnen wäre unfair, doch Villgrattner blieb und kämpfte sich als Neuling auf den 19. Platz von 40 Teilnehmern. »Da war ich stolz drauf« und ein neues Hobby war entdeckt.
Seither gehören Wettkämpfe im Sensen mähen zu seinem Alltag, seine Wiese vor dem Haus ist seine Trainingsfläche. Im sportlichen Vergleich muss eine Fläche von 24 Quadratmetern Gras gemäht werden, so schnell und sauber als möglich. »Von der Belastung her ist das wie ein 100-Meter-Sprint«. Ganze 62 Sekunden braucht er dafür, dabei sei das noch nicht einmal die schnellste Zeit. Aber es geht ja nicht nur um Schnelligkeit, sondern auch um das genaue Mähen. Das Gras sei zwar für alle gleich, aber »ein Maulwurfshügel oder Ameisenhaufen auf dem Feld und die Sache ist erledigt«, sagt er schmunzelnd. Gleichwohl kann Karl Villgrattner in seiner Altersklasse Erfolge vorweisen. 2015 gewann er den internationalen Wettbewerb im österreichischen Alberschwende, 2016 wurde er im Schwarzwald Zweiter. Nun wartet der Höhepunkt auf den Pfullinger Südtiroler.
Am Wochenende startet er in Wiesmoor in Ostfriesland bei der Weltmeisterschaft. Dazu ist er eingeladen worden. 182 Teilnehmer kämpfen um Plätze und Titel, dazu 50 Mannschaften. Karl Villgrattner tritt auch im Team an, aber nicht mit den Pfullingern Jörg und Katrin Schwille, die ebenfalls zur WM fahren. Für die Wettkämpfe sieht sich Karl Villgrattner gut vorbereitet. Über seine Motivation brauchen wir nicht zu reden. Die ist bei dem sport- und bewegungsbegeisterten Rentner einfach vorhanden. Wie sagte er so schön: »Wenn man mit 75 auf den Treppchen ganz oben steht, dann ist das einfach schön.« Wir wünschen viel Erfolg.     –diet