Jede Zeit hat seine Kinder und jede Zeit hat seine Gedanken, Sehnsüchte, Urteile, Vorurteile, Kriege und seltener Frieden. Es war nicht alles immer so, wie wir es heute haben. Wer Geschichte verstehen will, muss die Zeit seiner Wahl verstehen wollen. Vor diesem Hintergrund erhöht sich jede Leistung, steigert sich die Bedeutung von Ereignissen. Was heute selbstverständlich ist, kann vor ein paar Jahrzehnten eine Pionierleistung gewesen sein. Wir machen heute einen Ausflug in die Geschichte und treffen einen jungen Mann, der mehr durch Zufall auf eine Geschichte gestoßen ist, die ohne ihn in den Annalen verschwunden wäre.
Adriano Gómez-Bantel entdeckte einen Reisebericht des damaligen Vorsitzenden des VfB Stuttgart, Fritz Walter, der von einer Gastspieltournee des Meisters im Sommer 1951 durch Mexiko erzählt. Ja und? Fußballer reisen nun mal regelmäßig, die haben ja auch genügend Kohle, denkt der geneigte Leser. Doch so einfach ist diese Geschichte nicht, denn sie fand ja kurz nach Kriegsende statt. Damals war das alles andere als selbstverständlich, dass ein Fußballteam offiziell ein fremdes Land bereist. Im Gegenteil.
Der VfB Stuttgart war als deutscher Meister vom mexikanischen Fußballverband eingeladen worden und leistete Pionierarbeit. Adriano Gómez-Bantel strahlt, als er die Anekdoten zu seinem Buch erzählt. Das liegt seit Ende vergangenen Jahres in den Buchhandlungen. »Der VfB in Mexiko – Eine Reise im Sommer 1951« lautet der Titel. Den Einband schmückt ein Foto des damaligen VfB-Teams, über dem die mexikanische Flagge in grün, weiß, rot prangt; darin eingebettet das Emblem des schwäbischen Vorzeigeklubs. Dieser hatte das Interesse des Studenten Gómez-Bantel entfacht. Der VfB-Fan hatte am Ende seines Germanistik-Studiums nach einem Thema für seine Magisterarbeit gesucht und untersuchte in wieweit der VfB »identitätsstiftend für Württemberg« ist. Bei dieser Recherche stolperte der 35-Jährige über die Mexikoreise. Der Funke war entzündet, das Feuer begann zu lodern, Gómez-Bantel konnte und wollte es nicht mehr löschen. Im Gegenteil. »Ich habe von Anfang an gemerkt, das Thema hat Potenzial.« Immer tiefer tauchte der Germanistikstudent in diese Reise ein, die nicht einmal im VfB-Archiv zu finden war. Immer weiter dachte sich der junge Mann in die Geschehnisse ein und er erhielt Hilfe. Die mexikanische Botschaft unterstützte ihn bei seinem Bemühen, an Material aus dieser Zeit zu gelangen. Tatsächlich: In einem Zeitungsarchiv entdeckte er Bilder und Karikaturen. Die Blätter in Mexiko berichteten damals viel über die kickenden Gäste aus Europa, deren Reise mehr war als nur ein Spaß von elf Fußballern und ihrem Gefolge. Der VfB fungierte als Botschafter, Beziehungen gab es zu der Zeit nicht und es geschahen Dinge, die heute selbstverständlich scheinen, damals aber besonders waren. Der VfB etwa lief mit der mexikanischen Flagge zu den Freundschaftsspielen ein, die Gegner mit der Deutschen. Wohl gemerkt, sechs Jahre nach Kriegsende, Deutschland war noch weit davon entfernt, Fußball-Weltmeister zu sein. Insgesamt fünf Spiele absolvierte der VfB, gewann zwei davon. Aber das ist nicht das Entscheidende.
Der VfB hat wichtige Grundlagen für weitere Zusammenarbeit gelegt, urteilt der Metzinger. Vier Jahre lang hat ihn die Arbeit zu dem Buch beschäftigt, das vor allem von den Bildern lebt. Gómez-Bantel hat aber nicht nur die Lücke im VfB-Archiv befüllt, sondern auch viele Anhänger beglückt und den Fußball von einer anderen Seite beleuchtet. »Schließlich ist der Stuttgarter Klub ein Traditionsverein, dessen Fans viel wert auf Geschichte legen«, so der Kommunikationsmanager, der viel Lob dafür erhielt und auch ein wenig Stolz ist auf sein Werk. »Es ist, wie wenn man ein Haus baut. Man hat etwas geschaffen und es ist schön anzusehen.« Da meldet sich mal wieder unser Kumpel Goethe, der Wilhelm Meister sagen lässt: »So machte doch ein Zufall die beste Einleitung, dass es doch bald bedeutend und fruchtbar werden konnte«.     –diet