Eigentlich dürfte es Tafeln gar nicht geben. Davon ist Rolf Göttner überzeugt. Oder zumindest müssten sie dafür sorgen, dass sie überflüssig werden. Denn: Eigentlich wäre ja die Politik für die Bekämpfung der Armut zuständig. Aber: »In Deutschland wird eine Reichtumspolitik betrieben«, sagt der Vorsitzende des baden-württembergischen Landesverbands der Tafeln. »Außer den Linken fühlt sich ja keine Partei verpflichtet, die Schere zwischen Arm und Reich zu schließen«, betont er. Und wahrlich: Dass in einem so reichen Land wie Deutschland, in dem die Steuereinnahmen gigantische Ausmaße erreichen, gleichzeitig aber immer mehr Menschen auf der Straße leben (auch immer mehr Jüngere), dass immer mehr Rentner in die Altersarmut abrutschen, für bundesweit rund 400 000 Langzeitarbeitslose bewusst nichts getan wird, dass zudem Hartz-IV- sowie Arbeitslosengeld-II-Empfänger (und Flüchtlinge obendrein) von einem monatlichen Geldbetrag leben müssen, der zumindest ganz nah an der Grenze zum Menschenunwürdigen liegt – all dies sind Gründe, um die Politik im Land und im Bund nicht nur zu hinterfragen, sondern sie zu verurteilen.
 
Und eigentlich verstößt diese Politik ja gegen das Grundgesetz, denn: Wo bleibt da die vermeintlich unantastbare Würde des (armen) Menschen? Also: Eigentlich dürfte es die Tafeln nicht geben. Doch all die zuvor aufgeführten Menschen sind froh, dass es diese günstige Einkaufsmöglichkeit gibt. Auch an der Achalm. Doch das Verteilen von Lebensmitteln, die ansonsten auf dem Müll landen würden, ist mittlerweile selbst zu einem landesweiten riesigen Logistik-Unternehmen geworden, wie Rose Biedermann als hauptamtliche Leiterin der Reutlinger Tafel erläutert. Fünf Logistik-Zentren nehmen ganze Lkw-Ladungen von Supermärkten und Lebensmittelherstellern an, verteilen die Waren dann weiter an Regio-Tafeln, von denen es rund 20 im ganzen Land gibt. Reutlingen ist eine davon. Und von der Achalm aus werden acht weitere Tafeln in der Region Neckar-Alb von Metzingen bis Albstadt bedient. Oder besser gesagt: »Die acht Tafeln sind verpflichtet, ihren Teil der Lebensmittel abzuholen«, so Biedermann. Ein Beispiel für die Funktionsweise dieses riesigen Unternehmens: »Gestern hatte ein Lkw einen Unfall, 21 Paletten Gurken konnten dann nicht mehr in den Handel gehen, sie wurden an das Logistikzentrum Heilbronn geliefert und von dort aus weiterverteilt«, so Rolf Göttner.
 
Auch Biedermann hat ein Beispiel parat: Eine Lieferung Pizza wurde aus Stuttgart angeliefert, mit insgesamt 40 Kisten zu je 14 Kilogramm Tiefkühl-Pizza. Die wurden dann verteilt, jede einzelne Tafel musste also 4,5 Kisten abnehmen. »Bei Kühlware müssen wir selbst hier in Reutlingen gucken, ob wir überhaupt Platz in der Kühlzelle haben.« Warum überhaupt das System mit den Logistik-Zentren und Regio-Tafeln eingeführt wurde? »Einige große Hersteller von Lebensmitteln oder auch die Supermarkt-Verteilzentren wollten nicht mehr, dass jede Tafel einzeln auftaucht«, betont Biedermann. Und da begann der Landesverband der Tafeln sich ebenfalls Gedanken zu machen: »Wir betrachten das jetzt rein betriebswirtschaftlich«, sagt Rolf Göttner. Klar – unter diesem Blickwinkel werden immer konsequenter hochwertige Lebensmittel vor der Vernichtung gerettet. Aber: Nach den Worten des Landesverbandsvorsitzenden hat die Politik bereits (vergeblich) versucht, den Hartz-IV-Satz zu senken, mit der Begründung, dass die Leute doch bei der Tafel einkaufen könnten. Was sich wie ein miserabler Witz anhört, entspricht laut Göttner aber der Wahrheit. Wird also der Staat durch die Tafeln nicht aus der Verantwortung entlassen, das Problem der Armut anzugehen? Das ist ein Kritikpunkt, der nicht von der Hand zu weisen sind. Zudem kämpfen die Tafeln – auch in Reutlingen – mit Nachwuchsmangel. »Wir brauchen dringend Fahrer und Helfer in der Vorbereitung und im Verkauf«, betont Rose Biedermann.