Einige nahmen ihre wärmende Mütze ab. Aus Achtung und Respekt. Alle schwiegen. Rund eintausend Menschen hatten sich vergangenen Freitag auf dem Reutlinger Marktplatz versammelt. Der Neujahrsempfang der AfD  im Spitalhof war der Anlass, die Menschenansammlung eine Demonstration gegen die Partei, gegen Faschismus und Nationalsozialismus und deren Polemik und Hetze. Für eine freie, offene, tolerante Gesellschaft, für ein soziales Miteinander ohne Ausgrenzung.  Tags zuvor hatte ein  rassistisch gesinnter Täter zehn Menschen in Hanau erschossen. Dieser Toten gedachten die Demonstranten still. 
 Wenn eintausend Menschen schweigen und symbolisch oder ganz real ihren Hut ziehen, dann muss Besonderes passiert sein.  Zu der Kundgebung hatte das Reutlinger/Tübinger Bündnis »Gemeinsam und solidarisch gegen rechts« aufgerufen.  Sie fanden breites Gehör. »Omas gegen Rechts«, der Arbeitskreis Flüchtlinge, Verdi, die IG Metall, der DGB, die Seebrücke, die SPD, die Grünen und weitere Gruppierungen unterstützten den Aufruf und beteiligten sich auch mit Redebeiträgen. Null Toleranz forderten einhellig alle. Es gehe hier um nichts weniger als um grundlegende Werte unserer demokratischen Gesellschaft. Diese seien in Gefahr.

Die Polizei zeigte massive Präsenz im Zentrum, riegelte den Spitalhof ab, stellte sich zwischen Demonstranten und Parteimitglieder und -freunde. Kurz nach 18 Uhr zogen die ersten Demonstranten angeführt von Antifa-Gruppierungen zum Veranstaltungsort. Von beiden Seiten, von der Wilhelmstraße und der Metzgerstraße,  demonstrierten sie erst lautstark, dann aggressiv. Die Polizei musste in der Metzgerstraße Reizgas einsetzen. Eine Reiterstaffel war auch vor Ort und stellte sich vor die Beamten, die den Zugang absperrten.  Die Stimmung war angespannt. Verbal beschimpften Umstehende die Ordnungshüter. Die jungen Beamtinnen und Beamten blieben äußerlich ruhig und gefasst.   Wer hätte gedacht, solch eine Szene in Reutlingen zu erleben. Wegen einer Partei, die sich rechtes Gedankengut zu eigen macht. Einer Partei, die Flüchtlinge als Messermänner und Gesindel, die Zeit des Nationalsozialismus als Vogelschiss in der deutschen Geschichte bezeichnet, die mit deren Vokabular Angst schürt, die Liquidierungs- und Deportationsfantasien anheizt,  und vor allem nur ein Thema kennt: Ausgrenzung. Die AfD liefert damit genügend Begründungen für gewaltbereite Rassisten und Psychopathen wie den in Hanau.  Die Sprache des Hasses gebiert Gewalt. 

Es war ein starkes Zeichen, dass sich auf dem Marktplatz so viele Menschen friedlich zusammengefunden haben, es hätten aber auch  mehr sein können. Sie waren laut und präsent. Doch die Aktionen der Antifa sind genauso unnötig wie die Hetze der AfD. Es hätte genügt, sich lautstark vor dem Spitalhof zu äußern, zu schreien, Musik zu machen oder gar zu tanzen. 
Friedlicher Protest ist angesagt, um so die Wortführer der AfD ins Leere laufen zu lassen. Die Präsenz allein zählt. Zu versuchen,  in den Spitalhof einzudringen, die Polizisten dabei zu bedrängen, ist aber mehr als schlechter Stil. Sie geben der Partei Futter, deren Masche es ist, sich als Opfer zu sehen.  Gewaltlosigkeit heißt das Gebot der Stunde, wach sein, präsent sein. Da können sie sich ein Beispiel an den friedlichen lauten Demonstranten auf dem Marktplatz nehmen, etwa den »Omas gegen Rechts«. Sie zeigten lachend, redend, freundlich  ihre klare Haltung. 

Dabei reckten sie tapfer und eine lange Zeit ihre Plakate ausdauernd  in den Himmel. Dem gebührt Respekt. Dieser gehört aber auch den meist jungen Beamtinnen und Beamten, die sich nicht provozieren ließen. Auch nicht von ganz üblen Beschimpfungen. Eines muss beiden Seiten  klar sein. Das können sie sich nur in einer freiheitlichen Gesellschaft leisten. Diese und alle anderen Beamtinnen und Beamten sorgen jeden Tag mit ihrem Engagement dafür, unseren  freiheitlichen, weltoffenen  Lebensstil zu erhalten. 

Aktuell mahnt hier ein Wort von Friedrich Hölderlin. Der große Dichter, dessen Leben und Werk seit Mitte dieses Monats  im renovierten Turm in Tübingen mit einem beeindruckenden Museum gewürdigt wird, erinnert an die Macht der Worte.  »Der Güter Gefährlichstes, die Sprache«, lautet seine Erkenntnis, die aktueller ist denn je. Vor allem das stetige Verharmlosen durch die AfD, diese scheinheilig entschuldigende »Das darf man ja wohl noch sagen«-Rhetorik  ist Nährboden und Rechtfertigung für Rassisten.