In Listopia finden demnächst Wahlen statt und es wird mit Spannung erwartet, wer der neue Präsident des Landes wird. Sie kennen Listopia nicht? Okay, das müssen Sie auch nicht. Listopia ist ein fiktiver Staat, den das Friedrich-List-Gymnasium zu seinen Projekttagen im Juli ausgerufen hat. Mit allem, was dazu gehört: von einer eigenen Währung, Flagge und Nationalhymne bis zu einer Verfassung und einem Parlament. 

REUTLINGEN. In welchem Staat kann sich schon ein 14-jähriger als Präsidentschaftskandidat aufstellen lassen? Listopia macht es möglich. Die Schülerversammlung wird diesmal zur Bürgervollversammlung. In der Oskar-Kalbfell-Halle präsentieren sich die Kandidaten auf das Amt des Staatspräsidenten sowie die fünf Parteien den »Bürgern« von Listopia. Vielleicht sind dann doch nicht alle mit genug Ernst bei der Sache. Jedenfalls lässt sich dieser Eindruck nach der ersten Vorstellung gewinnen, für die die Parteien maximal drei Minuten Zeit haben. Denn die Gruppierung »Ausländer für Listopia« ist schon nach ein paar Sekunden fertig und hat keinerlei Wahlprogramm zu bieten. »Wählt uns einfach« ist die kurze Parole. Aber das ist dann doch eine Ausnahme. Die anderen Parteien zeigen sich schon deutlich engagierter und wollen die anwesenden Schüler bei der Infoveranstaltung mit präzisen Ideen überzeugen. So steht »The Power of Democracy« für Steuerbegünstigungen für Kleinbetriebe sowie Subventionierungen für Kultureinrichtungen. Die »Demokratische Partei des Volkes« erhält allerdings den größten Applaus bei dem Wahlversprechen, dass die Schüler ihre Handys während des Projektzeitraums nutzen dürfen und nicht für ihre Bestrebungen für faire Mindestlöhne oder Transparenz in allen politischen Entscheidungen. »Für uns ist es wichtig, dass in Listopia alle die gleichen Chancen haben«, sagt Zoe Caleta von der Partei »The Maker of Greatness«, die sich für einen gerechten Mindestlohn und Arbeitslosengeld sowie Streikrecht einsetzt. Überhaupt ist das Thema Gerechtigkeit eines, was nahezu alle Parteien in Listopia eint. »In der Realität gibt es etablierte Parteien und es ist manchmal schwierig da hinein zu kommen. In Listopia hat jeder die Möglichkeit sich politisch zu engagieren. Man kann von heute auf morgen einfach eine Partei gründen«, erzählt Projektleiter Moritz Böbel. Etwa 30 Schüler von der siebten bis zur elften Klasse haben im Rahmen einer AG die aufwendigen Vorbereitungen in ihrer Freizeit mit großem Eifer und Elan vorangetrieben. Als Mitte des letzten Jahres die Planungen begannen, hatte man zwar noch nicht den aufstrebenden Nationalismus a la Donald Trump im Hinterkopf, doch jetzt passe das Projekt thematisch auch gut dazu. »Das ganz große Ziel ist es, das Demokratieverständnis zu fördern. Und das nicht nur durch Unterricht, sondern in der Praxis«, sagt Moritz Böbel. Und so gibt es in Listopia eben eine Verfassung, ein Parlament, einen Präsidenten und sogar ein Gericht. Aber neben der Politik spielt auch die Wirtschaft eine Rolle. Es gibt eine eigene Währung, die Schüler gründen Unternehmen und erstellen sowie verkaufen Produkte. Zudem wird auch noch der sportlich-soziale Aspekt mit einem eigenen Turnier, dem Listopia-Cup, mit eingebracht. Schon 2013 gab es ein solches Projekt am Friedrich-List-Gymnasium. Die Erfahrungen von damals sind in die Planungen mit eingeflossen.
Nachdem sich die Kandidaten und Parteien nun den Schülern vorgestellt haben, werden in den ersten beiden Februarwochen die Wahlen abgehalten. Anschließend gründen die Schüler Betriebe und die Jobs werden verteilt. Es bleibt also noch viel zu tun bis zu den eigentlichen Projekttagen die dann am 20. und 21. Juli sowie am 24. und 25. Juli stattfinden. Eine Eröffnungsfeier und ein Abschlussfest rahmen die Staatstage ein. »Wir sind nicht auf die Schule begrenzt. Jeder kann vorbeikommen und den Staat besuchen«, erklärt Nick Slotnarin, stellvertretender Projektleiter. Die »Touristen« erhalten für fünf Euro ein Visum – vier Euro bekommen sie in der Staatswährung zurück, um in Listopia einzukaufen. Wer im Vorhinein bereits eine »Reise« nach Listopia unternehmen will. Weitere Infos gibt es auch unter www.listopia.schule sowie auf Facebook und YouTube.