In einer ersten Reaktion zum Urteil des Verfassungsgerichtshofs bekannte sich der Reutlinger Oberbürgermeister in einer ersten Reaktion dazu, weiter für die kommunale Selbstständigkeit zu kämpfen. Die Entscheidung sei nicht gegen die Bildung eines Stadtkreises gerichtet, so Thomas Keck. Er kündigte an, dass die Stadtverwaltung die Fraktionen des Landtags anschreiben werde und um einen Gesprächstermin bitten. Möglich wäre, dass die Stadt nach der Landtagswahl erneut einen Antrag stelle. Auch Verwaltungsbürgermeister Robert Hahn bläst ins gleiche Horn. Der Rechtsweg sei ausgeschlossen, aber die Stadt werde keine Ruhe geben. Man dürfe die Bestrebungen Reutlingens, kreisf rei zu werden, nicht als beerdigt betrachten. Schließlich sei es so, wie es ist, nicht gut. 

Ganz anderer Ansicht ist dagegen Thomas Reumann. Der Landrat war stets Gegner der Auskreisung und für ihn ist das Verfahren gelaufen. Nun herrsche Klarheit. Fünf Jahre lang sei man in der Luft gehangen, das sei nun beendet. Die Solidargemeinschaft zwischen Kreis und Stadt bleibe erhalten. 
Am Freitag dann legte der Landrat nach und schickte einen offenen Brief an OB Keck. Darin legte er ihm einen Drei-Stufen-Plan vor. Dem abgelehnten Antrag der Auskreisung hatte der Landtag die Bedingung angehängt, beide Parteien sollten Möglichkeiten erörtern, wie die kommunale Zusammenarbeit ver-bessert werden könne. So solle herausgefunden werden, welche Aufgaben die Stadt übernehmen könne einschließlich der Übertragung der Finanzverantwortung. 
In dem offenen Brief schlägt der Landrat eine gemeinsame Lenkungsgruppe vor, die den Arbeitsauftrag definieren und die Themen und Bereiche festlegen soll. Der OB und der Landrat seien als gemeinsame Vorsitzende zu benennen, eine neu einzurichtende Geschäftsstelle zeige nach außen die Bedeutung des Vorhabens. In der Lenkungsgruppe sollen Vertreter des Gemeinderats sowie des Kreisrats »paritätisch besetzt« sitzen. Sie sollen eine Defizitanalyse erstellen. Drei Defizite, die die Stadt selbst den Regierungsfraktionen in Stuttgart schon vorgestellt hatten, könnten so Reumann unmittelbar angegangen werden. Jugendhilfe, Kfz-Zulassung sowie besonderen Kompetenzen der Reutlinger Berufsfeuerwehr für Aufgaben des Katastrophenschutzes zu nutzen. 
So richtig erfreut war bei der Stadtverwaltung niemand über das Vorpreschen des Landrats. Den offenen Brief als solcher empfanden OB Keck sowie Verwaltungsbürgermeister Robert Hahn als schlechten Stil, als »ungehörig und ungewöhnlich« bezeichneten sie das Vorgehen im ersten Moment. Es wäre ein guter Anlass gewesen, hier gemeinsame Öffentlichkeitsarbeit zu machen, sagte Robert Hahn. Es sei jetzt geboten die Zuständigkeiten zu identifizieren, danach erst sollte man über die Prozesse sprechen, so der Verwaltungsbürgermeister. Vor allem aber sollte nicht öffentlich diskutiert werden, sondern im kleinen Kreis ergebnisoffen und ohne Tabus besprochen, wo der Weg hingehen kann zwischen Stadt und Landkreis. 

Neustart angemahnt
Einen Neustart in den Beziehungen fordert die Industrie- und Handelskammer nach dem Urteil. Die IHK sieht eine Chance darin, alles auf den Tisch zu legen und sich neu aufzustellen. Stadt und Landkreis sollten sich nun aufeinander zu bewegen«, kommentierte IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Wolfgang Epp. 
Aus Sicht der Wirtschaft sollten beide Seiten an einem Neustart arbeiten und gemeinsam eine digitale Verwaltung voranbringen. »Unsere Befragung zur Stadtkreisgründung hatte ja gezeigt, dass den Betrieben vor allem eine gute und funktionierende Verwaltung wichtig ist. Eher zweitrangig war, ob dieses Handeln von der Stadt oder vom Landkreis ausgeht«, sagt Wolfgang Epp. 
Es gelte nun, die vorhandenen Kräfte zu nutzen und die Kooperation auszubauen, um Bürgern wie Unternehmen bessere Lösungen anbieten zu können. »Das geht nur gemeinsam und dazu muss man miteinander reden«, so der IHK-Hauptgeschäftsführer. Denkbar sei etwa ein gemeinsames Behördenzentrum. Dort könnten An-, Um- und Abmeldungen des Gewerbes oder von Fahrzeugen bearbeitet werden. »Darüber hinaus leistet ein solches Behördenzentrum einen wichtigen Beitrag zur effizienten Flächennutzung im Innenbereich Reutlingens.« In der Debatte um die von der Stadt Reutlingen beantragte Stadtkreisgründung hatte sich die IHK mit einer Stellungnahme beteiligt und die Auffassung der Wirtschaft in Stadt und Landkreis erhoben. 
Dabei stoßen sie auch in Stuttgart auf offene Ohren. Die grüne Landtagsfraktion meldete sich sofort zu Wort, sie unterstütze diesen Prozess sehr gerne auch in Zukunft und stehe als Ansprechpartnerin zur Verfügung. »Wenn sich gesetzgeberischer Handlungsbedarf ergibt, werden wir aktiv. Klar ist: Am Ende muss es darum gehen, wie öffentliche Aufgaben für unsere Bürgerinnen und Bürger am besten wahrgenommen werden können«, so Uli Sckerl. »Stadt und Landkreis haben jetzt Klarheit. Sie können nun in Ruhe ihre Aufgabenteilung prüfen und nach passgenauen Lösungen suchen.« Es gehe dabei natürlich auch um die Frage, wie der Wunsch der Stadt nach mehr Eigenständigkeit erfüllt werden kann. 


Reaktionen
Die Freien Wähler bedauern das Ergebnis.»Schade, dass nicht mal die Gründe angehört wurden«, sagte Jürgen Fuchs. Der Fraktionsvorsitzende schlägt vor, auf das Angebot des Landtags zurückzugreifen und auch mit ihnen Gespräche zu führen, was für unterschiedliche Aufgaben möglich sind. »Es geht nicht um Kleinigkeiten. Als nicht Stadtkreise nehmen wir Aufgaben des Stadtkreises wahr. Das kann so nicht bleiben.« 

Die Entscheidung des Verfassungsgerichts ist eindeutig. Eine Verfassungsbeschwerde ist nicht zulässig. Die SPD-Fraktion akzeptiert diese endgültige Entscheidung. Die SPD-Fraktion beharrt darüber hinaus auf den wohlbegründeten Argumenten, dass die Stadt Reutlingen Stadtkreis werden muss. So wie es jetzt ist, kann es nicht bleiben. Das Gericht hat zwar die Verfassungsbeschwerde zurückgewiesen, jedoch keine Entscheidung in der Sache gefällt. Mit seiner Entscheidung zur Ablehnung der Gründung des Stadtkreises habe der Landtag ja anerkannt, dass es vielfältige Themen gebe, welche zu verändern sind, damit die Stadt Reutlingen ihre Aufgaben als Großstadt erledigen kann im Interesse ihrer Bürgerschaft. Die finanzielle Ausstattung der Stadt ist im Vergleich zu den Stadtkreisen längst nicht mehr angemessen. 

Mit dem Urteil wurde nach jahrelanger Ungewissheit eine Entscheidung getroffen, die von allen Akteuren ein hohes Maß an Verantwortungsbewusstsein erfordert, sagt die CDU und fordert Stadt und Landkreis auf, nun sehr rasch die Verhandlungen aufzunehmen. »Ein Fragenkatalog wurde bereits vonseiten der Stadt ausgearbeitet und liegt dem Landkreis vor«, so Fraktionsvorsitzende Gabriele Gaiser. Mit sehr hohem Kosten- und Personalaufwand bei allen Beteiligten seien die Grundlagen für das Verfahren und die fachliche Diskussion und Neuordnung der Zuständigkeiten erarbeitet worden. Es ist allen klar, dass es ein »weiter so« nicht geben kann, Bereiche wie  Jugendhilfe, Sozialhilfe und weitere müssten für die Zukunft neu geregelt werden.

Die Fraktion Die Grünen und Unabhängigen war in der damaligen Abstimmung nicht einheitlich, Holger Bergmann und Gabriele Janz  hatten gegen diesen Antrag gestimmt. Nach der aktuellen Entscheidung sollte die Stadtverwaltung und auch der Gemeinderat konstruktiv mit der Situation umgehen. Es ist in den vergangenen sieben Jahren eine große Distanz zum Landkreis entstanden. Beide haben die Aufgabe, aufeinander zu zugehen und die von beiden Seiten aufgestellten Fragen zu klären. Sicher sei, dass sich in den Zuständigkeiten und den entsprechenden finanziellen Ausstattungen etwas zu Gunsten der Stadt ändern müsse. 

Eine gewisse Freude empfindet die WiR-Fraktion über dieses Urteil. Sie habe sich immer geschlossen und vehement gegen die Bestrebungen der Stadt Reutlingen kreisfrei zu werden ausgesprochen, lässt Jürgen Straub wissen.  Den fast schon gebetsmühlenartigen immer wieder verkündeten hohen Erfolgsaussichten einer Verfassungsbeschwerde der Stadt gegen die Entscheidung des Landtages im Dezember  2018 haben wir keinen Glauben geschenkt und nicht zugestimmt. Die Stadtverwaltung muss die Entscheidung des Verfassungsgerichtshofs nun akzeptieren. Von dem Gedanken »mit einer neuen Landesregierung den Antrag auf Kreisfreiheit erneut zu stellen« hält die WiR-Fraktion überhaupt nichts. Aber auch sie sehen Verbesserungsbedarf. Dazu muss durchaus über die Verteilung und Finanzierung der Aufgaben zwischen der Stadt Reutlingen und dem Landkreis neu verhandelt werden (Stichwort Jugend- und Sozialhilfe) um die bestehenden, teils starren, aber auch festgefahrenen und nicht mehr zeitgemäßen Strukturen deutlich flexibler gestalten zu können. 

Die FDP-Gemeinderatsfraktion bedauert die Entscheidung, dass die Beschwerde der Stadt Reutlingen unzulässig ist. In der Sache hat der Verfassungsgerichtshof also gar nicht entschieden. Jetzt müssen die Juristen abklären, wie eine Gemeinde sich gegen eine ihrer Meinung nach falsche Entscheidung des Landtages wehren kann. Parallel dazu sollten jetzt die Gespräche mit dem Landkreis geführt werden, zu denen der Landtag aufgefordert hat. Sollten sich dabei Kompetenz-Erweiterungen der Stadt ergeben, muss sich der Landtag erneut damit befassen, weil dazu gesetzliche Regelungen erforderlich sein dürften. 

Die Linke empfindet einige Genugtuung ob diesem Urteil. Er sei als einziger Stadtrat den Auskreisungsgelüsten 2015 entgegen getreten, sagt Thomas Ziegler. Der Sprecher der Fraktion bezeichnete das Urteil  gar als krachende juristische Bruchlandung. 

Die AfD sieht in dem Urteil wieder die Realität hergestellt.  Wenn die Stadt auf die Bürger gehört hätte, hätte man sich diese Blamage ersparen können – und Geld dazu, so Hansjörg Schrade. Die Fraktion habe ein halbes Jahr vor der Kommunalwahl einen Bürgerentscheid gefordert. Nun könne sich Reutlingen wieder auf seine Bürger und die anstehenden Probleme konzentrieren.  -rw