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»Es war ein heimtückischer Mord«

Aufwühlend: Der Mordprozess in Tübingen beschäftigt viele.
Foto: Jürgen Meyer

27. Dezember 2012
 

Es gab selten einen Fall, der Tübingen so aufgewühlt hat. Am 6. März diesen Jahres erschoss eine 49-jährige Frau abends auf offener Straße ihren Ehemann, den in Tübingen so beliebten und geschätzten Zahnarzt Fritz Nusser. Augenzeugen kam es damals wie eine Hinrichtung vor. Auch der Vorsitzende Richter der Schwurgerichtskammer des Landgerichts, Ralf Peters, benutzte jetzt in seiner Urteilsbegründung diesen Begriff. Die Richter verurteilten die 49-Jährige nach neun Verhandlungstagen zu einer lebenslangen Haftstrafe. Peters: "Es war ein heimtückischer Mord."

Fast an jedem Verhandlungstag war der Schwurgerichtssaal voll besetzt. Vor allem bei der Urteilsverkündung wollten mehr Menschen in den beeindruckenden, hohen, holzgetäfelten Saal, als er fassen konnte. Viele mussten draußen im Treppenhaus unter den Augen einer steinernen Justitia warten, bis ihnen nach Ende des Prozesses doch noch ein kurzer Blick auf die Angeklagte gelang. Was für ein Mensch ist diese Frau? Zu Beginn des Mordprozesses berichtete sie von ihrem Leben in Bulgarien, von der Zeit, als sie Fritz Nusser kennen lernte ("es war Liebe auf den ersten Blick") und von den Jahren, in denen ihre Ehe in der Krise steckte. Ihre Stimme war dünn, wirkte piepsig, wie viele meinten. Immer wieder brach sie in Tränen aus. Dass sie auch anders kann, bewies der Prozess.

Als die Streitigkeiten zwischen ihr und Fritz Nusser ihren Höhepunkt erreicht hatten, stürmte sie in seine Praxis, schrie lautstark herum, beleidigte ihren Mann mit wüsten Worten und zerkratzte sein Gesicht. Und auch der Mord selbst zeigt eine Frau, die nicht nur schwach, introvertiert und zerbrechlich ist. Ohne Gnade schoss sie im Auto sechsmal auf ihren Mann. Drei von diesen Schüssen waren tödlich. Und als Fritz Nusser bereits tot auf der Straße lag, schoss sie ihm noch einmal mit den Worten "jetzt verreck’ endlich, du Sau" in den Kopf. Ein grausames Bild, dass so gar nicht zu der Frau passt, wie man sie im Gerichtssaal erlebt hat. Wie es zu dieser Tragödie kommen konnte, ist nur schwer nachzuvollziehen. Aber sie hat natürlich eine Vorgeschichte. Als junge Frau lernte sie den 15 Jahre älteren Fritz Nusser am Goldstrand in Bulgarien kennen. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie bereits eine gescheiterte Ehe, aus der ein Kind hervorgegangen war, hinter sich. Sie hat keine richtige Schulausbildung, arbeitete als Schuhverkäuferin und Zimmermädchen. Fritz Nusser nahm sie mit nach Deutschland. Doch in Tübingen fand sie nie richtig Anschluss. Sie fühlte sich im großen Freundes- und Familienkreis von Nusser misstrauisch beäugt, zurückgewiesen, sie fühlte sich als Fremdkörper. Vielleicht waren es sprachliche Schwierigkeiten, vielleicht Mentalitätsunterschiede, vielleicht auch der große Altersunterschied, die dazu führten, dass sie sich zu früh zurückzog. Und dann folgte wohl ihr größter Fehler.

Sie fixierte sich ganz auf ihren Mann. Er war ihr Lebensanker in einer für sie immer fremd gebliebenen Welt. Sie entwickelte dabei offensichtlich eine krankhafte Eifersucht, die sogar so weit führte, dass sie ihren Mann nicht mehr zu seiner Tochter lassen wollte. Ein weiterer Fehler war sicher, dass sie nie konsequent etwas gegen ihre selbst gewählte Isolierung, ihre tiefe Eifersucht, gepaart mit Existenzangst, unternahm. Musste sie letztlich nach ihrem Empfinden auch nicht. Ihr Mann war immer für sie da, beschützte sie, verteidigte sie. Wodurch sie in diesem "labilen Beziehungskonstrukt" auch Machtgefühle entwickelte, wie es der psychiatrische Gutachter Peter Winckler beschrieb. Als diese Sicherheit, und auch ihre Macht wegbrach, weil sich ihr Mann einer anderen Frau zuwandte, verlor sie den Boden unter den Füßen, fühlte sich tief verletzt. Und da beging sie den nächsten, diesmal fatalen Fehler.

Sie schob die Schuld an der Ehekrise, die Schuld an ihrem Leid nur ihrem Mann zu. Er sollte in dieser verengten Sicht auf ihre kleine Welt für den verletzten Stolz büßen. Sie hätte bis zum Schluss viele Alternativen gehabt, die Probleme anders zu lösen, aber sie wählte letztlich den Weg, der in die Katastrophe führte. Ein Weg, der nur Verlierer hinterlässt.

rw

27.12.2012 - aktualisiert: 27.12.2012 08:54 Uhr

 






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