Seit einigen Wochen demonstrieren meist junge Leute in der Türkei gegen die Regierung Erdogans. Der Ministerpräsident geht mit äußerster Härte gegen die Demonstranten vor. Was halten Sie davon?
Entspannt und fröhlich: Ralf Schumann blickt auf eine sehr erfolgreiche Zeit als Sportschütze zurück und auf neue Aufgabenfelder in naher Zukunft. Foto: pr
6. September 2012
Die Liste mit seinen Erfolgen ist schwindel erregend lang. Ralf Schumann ist mehrfacher Welt und Europameister mit der Schnellfeuerpistole, gewann unzählige Male den Weltcup und zählt mit drei Goldmedaillen 1992,1994 und 2004 sowie Silber 1988 und 2008 zu den erfolgreichsten Olympioniken aller Zeiten. Gewinnen gehört für den 50-jährigen Sachsen aus Meißen zu seinem Alltag, ist aber nicht alltäglich. Man fängt immer bei Null an, sagt der ehrgeizige Sportler, der kurz vor dem Ende seiner aktiven Zeit ist. demnächst seiner Karriere eine andere Richtung gibt. Seit einem Viertel Jahr lebt der Schießtrainer in Dusslingen, weil er als tief gläubiger Christ in der Nähe seiner Gemeinde sein will.
Hallo Herr Schumann, der Einstieg in Ihren Sport war ja nicht gerade verheißungsvoll. Ihr Trainer hat sie damals wieder weggeschickt. Was war da los?
Ralf Schumann: Er war ja noch nicht mein Trainer. Überall in den Schulen gab es Sportgemeinschaften Schießen. Dort wurde Gewehr geschossen, ausschließlich im Zehnmeter-Bereich. Diese Gewehre sind relativ schwer. Als ich das auch machen wollte, hatte er, weil er ein guter Trainer ist, gesagt, dass ich zu klein bin, und die Gefahr bestehe, dass ich mir mit dem schweren Gerät einen Rückenschaden hole. Aus diesem Grund hat er mich weggeschickt und meine Gesundheit geschont.
Olympia gehört mit sieben Teilnahmen zu Ihrem Dasein. Wie haben Sie die Spiele in London erlebt?
Schumann: Ich war sehr überrascht, dass die Londoner es so gut gelöst haben. London ist eine sehr große Stadt und ist im Normalzustand schon verstopft. Vom Wettkampf her war es für mich völlig normal.
Sie haben sehr gute Schießstände aufgebaut, die leider alle wieder weggerissen werden. Es ist ja nichts für die Zukunft. Die Organisation war sehr gut. Es waren kurze Wege und wenn es Probleme gab, wurde sie schnell gelöst. Von der Seite war es einer der besten Spiele.
Sie sind diesmal in der Qualifikation gescheitert. Was kam es dazu?
Schumann: Es sind viele kleine Fehler zusammengekommen, die sich dann so summiert haben, dass ich zu viele Neunen geschossen habe.
Schildern Sie doch mal für uns Nichtolympioniken, wie es sich anfühlt Olympiasieger zu sein?
Schumann: Das ist ein tolles Gefühl, wenn man einen Wettkampf gewinnt, aber die Wertigkeit wird von außen bestimmt. Für uns als Sportler ist der Wettkampf, die Disziplin, die Ausführung und die Gegner immer das gleiche, deshalb gibt es eigentlich keinen Unterschied. Der Wettkampf heißt nur anders.
Zu Beginn der Spiele waren sie auch als Fahnenträger im Gespräch. Waren Sie sehr enttäuscht, dass sie nicht nominiert worden sind?
Schumann: Nein. Da stehen immer mehrere Sportler zur Auswahl. Die Entscheidung wird aus verschiedenen Gesichtspunkten getroffen. Da kommt es auch auf den Anreisetag und die Wettkampftermine an oder wie lange und erfolgreich man dabei ist. Aber es ist schon eine Ehre zu dem Kreis zu gehören, die in Frage kommen.
Schießen gehört ja nicht gerade zu den populären Sportarten. Sind Sie neidisch auf Athleten wie Usain Bolt oder Formel eins Weltmeister Sebastian Vettel, die permanent in den Medien präsent sind und gutes Geld damit verdienen?
Schumann: Da bin ich nicht neidisch, nein.
Die Liste ihrer Erfolge ist sehr beeindruckend. Wie wichtig ist es ihnen Erfolg zu haben?
Schumann: Das war mir früher sehr wichtig. Jetzt ist es nicht mehr meine Lebensgrundlage. Ich definiere mich nicht mehr nach Erfolg oder Leistung.
Was fasziniert sie so an ihrem Sport?
Schumann: Man fängt immer wieder bei Null an. Genauso faszinierend ist die Technik, die man braucht und erlernt. Sie immer wieder so gut auszuführen, dass das Endresultat eine Zehn wird, oder bei uns sind es ja fünf Schuss, dass das Endresultat eine 50 wird, ist der Reiz. Wir schießen in drei verschiedenen Zeiten, also hat man auch drei verschiedene Geschwindigkeiten, in denen wir diese Technik abrufen müssen. Das alles in Einklang zu bekommen, ist relativ schwierig und erfordert ein hohes Maß an Training. Das immer wieder hinzukriegen ist die Herausforderung. Auch gegenüber sich selber: Schaff ich das noch, kann ich das wiederholen? Man kann es immer wieder schaffen, aber eben nicht nur einmal, sondern man muss es reproduzierbar hintereinander immer wieder hinkriegen.
Was für Fähigkeiten braucht es, um in diesem Sport so gut zu sein wie sie waren?
Schumann: Man braucht erst mal den Willen, das machen zu wollen. Dann braucht man eine gute Differenzierungsfähigkeit, eine relativ gute Reaktionsfähigkeit und man muss eine gute Hand-Auge-Koordination haben. Das heißt, dass man das, was man sieht, auch mit der Hand wirklich ausführen kann. Ein gutes Auges hilft sehr viel, es sollte nicht zu hohe Werte haben, dass man es mit einer Brille ausgleichen muss. Und natürlich braucht man eine gewisse Handruhe.
Wie sieht so ein Trainingspensum eines Sportschützen aus?
Schumann: Ich trainiere mindestens fünf Tage in der Woche. Dazu kommen sehr oft noch Wettkämpfe und Lehrgänge dazu. Dann verbringt man einen Zwischentag, an dem man kein Schießtraining macht, als Ruhetag. Normal sind zwischen fünf und sechs Trainingstagen.
Wie läuft so ein Tag ab?
Schumann: Er ist unterteilt in verschiedene Einheiten. In der Vorbereitungszeit auf einen großen Wettkampf sind es meist fünf bis sechs Stunden Schießtraining. Dazu kommt die Athletik, dann noch Prophylaxe wie Massage. Das ist ein Idealprogramm für Sportler, die viel Zeit haben, weil sie freigestellt sind. Viele müssen nebenher noch studieren, lernen oder ihrem Beruf nachgehen.
Wie war es bei Ihnen?
Schumann: Mindestens halbe halbe. In den letzten anderthalb Jahren bin ich freigestellt worden von der Deutschen und Thüringer Sporthilfe, die meine Arbeitgeber sind.
Sie haben mich so gigantisch unterstützt, dass ich mich voll aufs Schießen konzentrieren konnte. Eine Kollegin hat in der Zeit meine Trainingsgruppe mitgemacht.
Wie wichtig ist die körperliche Fitness?
Schumann: Sehr wichtig. Schützen brauchen eine sehr hohe Körperstabilität und die bekommt man nur durch Muskeln. Wir müssen unser Sportgerät nicht weit wegwerfen, oder besonders schnell bewegen. Die Hauptmuskeltätigkeit ist vor allem stabilisieren.
Wie schafft man es, bei Wettkämpfen die vielen störenden Geräusche auszublenden?
Schumann: Das ist schlichtweg Training. Man muss seine Konzentration von dem unwichtigen Umfeld auf seine Arbeitsabläufe also das Schießen konzentrieren.
Man versucht umzuschalten, um seine inneren Abläufe sauber auszuführen. Man kriegt das schon mit, aber man muss sich auf genau das fokussieren, was man in dem Augenblick zu tun hat.
Von welcher dieser Fähigkeiten profitieren sie auch im normalen Leben?
Schumann: Dass man an verschiedenen Sachen wirklich dran bleibt. Dass man zielstrebig den Dingen hinterhergeht, bis sie erfüllt sind. Dass man sehr gewissenhaft diese Dinge ausführt, also nicht rumschludert oder so halbherzig irgendwelche Sachen macht. Dass man sich in eine Ruhe hineinbringt und die Ruhe behält.
Wie lange wollen sie ihren Sport auf diesem Niveau noch ausüben?
Schumann: Gar nicht mehr. Ich mache noch das Weltcup-Finale Ende Oktober in Bangkok, dann beende ich meine sportliche Laufbahn.
Schießen sie dann ohne Wettkampfdruck weiter für sich?
Schumann: Ich werde für mich nicht großartig weiterschießen. Ich geh aus dem Wettkampfprogramm raus, aber die Waffen möchte ich behalten. Damit ich als Trainer meinen Schülern noch was zeigen kann.
Was heißt das genau?
Schumann: Ich arbeite jetzt als Trainer am Leistungszentrum in Thüringen. Davor habe ich den Beruf des Feinmechanikers erlernt, davor Kraftfahrzeugschlosser. Ich habe alle drei Berufe ganz normal gelernt. Ich bin Diplomtrainer des DOSB, das ist die höchste Trainerausbildung, die man in Deutschland kriegen kann. Das ist jetzt mein Berufszweig, wo ich meine Erfahrung an junge Menschen weiter gebe.
Welches Ziel verfolgen sie dabei?
Schumann: Momentan bin ich noch in Thüringen angestellt und strebe in zwei Jahren die Nachfolge des Bundestrainers an.