16. Februar 2012
Die sibirischen Temperaturen der vergangenen Tage sind vor allem für Obdachlose eine Gefahr. In Osteuropa, wo die Temperaturen noch tiefer in den Keller gehen, starben vielerorts sogar Menschen, die auf der Straße leben. Doch wie ist die Situation bei uns? Wir fragten bei Gisela Steinhilber, Geschäftsführerin der Arbeiterwohlfahrt Reutlingen, nach.
Frau Steinhilber, hatten Sie in den vergangenen Tagen mehr Zulauf als sonst?
Gisela Steinhilber: Nein, das ist nicht so – und wir sehen dies als positives Zeichen. Unsere Mitarbeiter in den Fachberatungsstellen haben bereits im Vorfeld der Kältewelle verstärkten Kontakt zu den Klienten gehalten, die bekanntermaßen »Platte machen«. Momentan sind nur drei Personen draußen, die nicht in die Unterkünfte wollen.
Welche Unterbringungsmöglichkeiten können Sie den Obdachlosen während dieser extremen Kälteperiode anbieten? Gibt es zusätzliche Angebote zu den üblichen Einrichtungen?
Gisela Steinhilber: Es gibt neben der Notübernachtungsstelle über den Winter einen zusätzlichen »Erfrierungsschutz«, wo wir in der letzten Woche eine Person zusätzlich aufgenommen haben. Hier kann man bei Bedarf bis zum Frühjahr bleiben. Tagsüber muss sich inzwischen auch niemand mehr draußen aufhalten: Vormittags bleibt die Notübernachtung Glaserstraße geöffnet und ab 13 Uhr ist der Tagestreff in der Aulberstraße für die Gäste offen.
Reicht der Platz vor Ort aus?
Gisela Steinhilber: Wenn bei anhaltender Kälte weitere Personen aufgenommen werden müssen, kann das Angebot an Schlafplätzen in der Notübernachtung erweitert werden. Das Problem ist dabei immer, dass Einzelne keine Mehrbettzimmer-Angebote annehmen können und deshalb weiter im Freien übernachten.
Normalerweise gibt es vielerorts für Betrunkene oder Hunde keinen Zutritt – sind diese Regeln aufgrund der gefährlichen Wetterlage gelockert?
Gisela Steinhilber: In der Notübernachtung nehmen wir seit längerer Zeit auch Personen mit Hunden auf. In Bezug auf Alkohol ist das Aufnahmekriterium, dass die Gemeinschaft, die in einer solchen Unterkunft einfach zwingend ist, nicht gefährdet wird. Der Konsum von Alkohol im Haus bleibt dennoch verboten.
Aus der Presse ist bekannt, dass vermehrt auch Frauen und Jugendliche wohnungslos sind - können Sie das bestätigen?
Gisela Steinhilber: Ja, leider. Die Hilfesuchenden werden im Durchschnitt immer jünger; für Frauen haben wir inzwischen ein separates Hilfeangebot im Elisabeth-Zundel-Haus geschaffen. Sorge bereitet uns hier, dass der Anteil der betroffenen Frauen unter 25 Jahren bei etwa 40 Prozent liegt. Um wirksam helfen zu können, brauchen wir dringend preiswerte Ein- bis Zweizimmer-Wohnungen.