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Virtuelle Reise in die Stadthallen-Zukunft

Mit 3D-Brille gewappnet starteten Oberbürgermeisterin Barbara Bosch und Prof. Hanno Ertel zum virtuellen Saalbesuch.
an

9. DEZEMBER 2010
 

Halbfertige Decken, Stahlstreben, bunte Kabel und jede Menge Beton ­ der Rohbau der Stadthalle ist im Zeitplan. Trotzdem: Bis zur Einweihung dauert es noch lange. Bis 2012 muss sich gedulden, wer den ersten Schritt über die Schwelle tun will. Ganz anders ging es den Reutlinger Stadträten. Sie durften per Computersimulation erstmals ein bisschen Saal-Luft schnuppern.
 

REUTLINGEN. In der Fakultät für Architektur und Stadtplanung in Stuttgart führte Diplom Ingenieur Benjamin Spaeth ins hauseigene Akustiklabor. Nun ist das Schnuppern während einer virtuellen Vorführung nicht gerade einfach. Deshalb beschränkte sich der sinnliche Genuss aufs Schauen und Hören. Mit 3D-Brillen gewappnet und die Ohren gespitzt, wagten einige Reutlinger Räte zusammen mit Oberbürgermeisterin Barbara Bosch den Schritt aufs Zuschauerparkett. Zu hören gabs die Ouvertüre zur "Hochzeit des Figaro" von Mozart. In einem etwa zwanzigminütigen Tripp durchs virtuelle Innenleben der Stadthalle, erfuhren sie, wie Reutlinger Musikgenuss in Zukunft aussehen könnte.

Eingeladen zum akustischen Erkundungstripp hatte die Stadthallen Projektgruppe. Für Projektleiter Klaus Kessler war die computergestützte Hörprobe eine Art Leistungs-Check: darüber nämlich, ob die Planungen, wie sie bisher laufen, auch wirklich das gewünschte Niveau erzeugen werden. Denn um ein hohes Niveau ­ gerade bei der Akustik ­ geht es seit Beginn der Stadthallen-Diskussion. "Das ist für mich die Rückversicherung", betonte Kessler am Rande der Veranstaltung. Gastgeber war die Fakultät für Architektur und Stadtplanung. Ihre Mitarbeiter haben die akustische Simulation erarbeitet.

Für die Fragen der Gäste standen neben dem Stuttgarter Professor Hanno Ertel auch Diplom Ingenieur Hanns Malte Meyer vom Architekturbüro Max Dudler und Reiner Gehret vom Berliner Schalltechnik-Büro BeSB zur Verfügung. Meyer erläuterte Details zu "Primärstrukturen", Wandprofilen und Klangabsorbern und brachte damit Klarheit ins akustische Konzept der Halle. Im Prinzip, so Meyer, orientiert sich der große Saal am Beispiel des Wiener Musikvereins-Saal. Von dort stammen die Proportionen. Das sogenannte "Schuhschachtelformat" ist der Ausgangspunkt für die gewünschte Klangfülle. Ähnlich wie der für seinen optimalen Klang bekannte Musikvereins-Saal, soll die Reutlinger "Schachtel" fein ausgestattet werden. Jedoch moderner, versteht sich.

Wo dort opulenter Stuck und goldene Gips-Pilaster stehen, gibts in Reutlingen Holztäfelung. Unter der Oberfläche sorgen Träger und Pfosten als "Primärstrukturen" dafür, dass sich der Klang bricht und auf den Wänden werden profilierte Verkleidungen für weiteren Widerhall sorgen. Verschiedene Materialien wie Holz, Gips und Beton bilden Widerstände für den Schall. So entsteht, erläuterte Meyer, das, was man "Diffusität" nennt ­ also eine feinteilige Entfaltung des Klangs. Und die ist bestens geeignet für Konzerte. Wo weniger Klangfülle gewünscht ist, wird wiederum gedämpft: Mit Stoffrollos, die bei Bedarf von der Decke herunterhängen. Damit gibt‘s, laut Meyer, die gewünschte Nutzungsvariabilität. Auf gut Deutsch: Die Halle kann auch für nichtmusikalische Veranstaltungen genutzt werden.

Nach den technischen Erläuterungen ging es zur Klang-Erkundung im Selbstversuch. Also 3D-Brille auf die Nase und ab in den Akustikraum. Hier führte Benjamin Spaeth per Steuerungstool durch den Saal: von den hinteren Rängen zum Parkett, dann auf die Bühne und zum Dirigentenpult. Dabei hoben sich ganz deutlich die besseren von den schlechteren Plätzen ab: Guter Klang in der Saalmitte, weniger guter Klang unter der Empore. "Wir berechnen den akustischen Fingerabdruck des Raums", erläuterte Spaeth. Jede Stelle, jeder Winkel im Raum, ja sogar jeder Stuhl wird in die Berechnung miteinbezogen. So kommt es, dass sich der Klang beim virtuellen Spaziergang immer ändert ­ je nachdem, wo man gerade "steht". Dennoch, warnte Spaeth, auch die beste Technik hat ihre Grenzen: "Eine Berechnung ist immer nur eine Abbildung ­ nicht die Wirklichkeit selbst". Der Bauphysiker wurde fachlich unterstützt von Professor Hanno Ertel.

Ertel war im Wettbewerbskomitee zur Stadthallen-Ausschreibung und ist somit seit Langem mit dem Projekt vertraut. Sein Urteil in Punkto Highclass-Akustik: "Der Saal hat die Voraussetzungen, dass es gelingen sollte". Von den Reutlinger Gästen kamen dagegen wenig eindeutige Äußerungen. Vielleicht wollte man die Eindrücke erstmal sacken lassen? Vielleicht lag es auch daran, dass ein PC-Programm eben kein Orchester ist? Mancher mag sich da lieber auf seine Eindrücke beim Eröffnungs-Konzert verlassen. Akustik-Profi Reiner Gehret hatte Verständnis für die Skepsis. Seine Empfehlung: "Seien sie ruhig skeptisch. Das wird in Wirklichkeit viel besser!"

INFO: Teil 1 bis 4 unserer Reihe finden Sie unter www.reutlinger-wochenblatt.de

ANJA ALLMERITTER

09.12.2010 - aktualisiert: 14.07.2011 11:09 Uhr

 






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