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Das letzte Einhorn von nebenan

Das Unternehmen Einhorn in Kirchentellinsfurt steht vor einer ungewissen Zukunft.
pr

19. August 2010
 

Mal wieder einer dieser Tage: Regen ohne Ende. Und im Haus ein Haufen quengelnder Patenkinder, der beschäftigt werden will. Pädagogisch ansprechend natürlich.
 

Angesichts des Berges an Arbeit, der auf meinem Schreibtisch lauert, bin ich jedoch kurz versucht, die pädagogisch weniger wertvolle Variante zu wählen. Wie die funktioniert? Die Kinder schnappen, irgendeinen Film in den DVD-Rekorder legen und dann für zwei Stunden Ruhe haben. Wie wär's zum Beispiel mit "Das letzte Einhorn", einem Zeichentrickfilm von 1982? Darin lebt ein Einhorn zunächst einsam, aber zufrieden in seinem Wald.

Aber als es erfährt, dass es das letzte seiner Art ist, zieht es in die Welt, um die anderen zu finden. Eine schöne, aber auch eine traurige Geschichte. "Fast so traurig wie die Geschichte des Einhorns, das nur ein paar Meter entfernt von meinem Haus zu finden ist", denke ich bei mir, seufze und streiche mir dabei über mein blau-weiß kariertes Hemd. Denn auch für mein Einhorn von nebenan, hier in Kirchentellinsfurt, sieht es nicht gut aus. Und damit auch nicht für mich. Die Hemdenfabrik, die den Namen des pferdeähnlichen Fabeltiers mit dem Horn auf der Stirn trägt, hat am Montag diese Woche beim Amtsgericht Tübingen Insolvenz beantragt. Der noch einzig verbliebene Lizenzgeber - Tommy Hilfiger - hat dem Unternehmen gekündigt, wodurch man etwa 60 Prozent des Umsatzes verloren habe.

Einigen Mitarbeitern wurde schon gekündigt. Und wie es den anderen ergehen wird, ist noch unklar. Wie es mir ergehen wird, zeichnet sich aber wahrscheinlich jetzt schon ab. Ich werde nicht wissen, was ich anziehen soll, wenn es Einhorn nicht mehr gibt. Denn ich setze seit Jahren auf die Hemden dieser Firma. Weil sie mir passten wie angegossen. Ja, ich weiß: Schleichwerbung ist Journalisten verboten. Und das soll es auch nicht sein. Diesen Text schreibe ich, um (wieder einmal) einem Textilfabrikanten aus der Region samt seinen Angestellten die womöglich letzte Ehre und meinen Respekt zu erweisen.

Denn Einhorn hat tapfer durchgehalten. Vor einem Jahr noch hieß es, die 1924 ursprünglich als Zeeb&Hornung gegründete Firma sei auf einem guten Weg. Um wieder auf Wachstumskurs zu kommen, hatten die Schwaben seit ungefähr 2007 mit Hilfe des Münchner Finanzinvestors Aurelius vieles umgekrempelt. Die Kollektion wurde gestrafft und modernisiert. Die überarbeitete Marke sollte künftig auch "adäquat" präsentiert werden. Deshalb wurde der Showroom, den es in Stuttgart gab, geschlossen. Ein neuer auf 125 Quadratmetern im Breuninger Fashion Tower in Sindelfingen wurde eröffnet, im Mai folgt ein weiterer mit 100 Quadratmetern im Hamburger Modezentrum. Alles hübsch im Bauhausstil. Nach der Übernahme durch Aurelius ging es dann mit der Kirchentellinsfurter Firma tatsächlich zunächst bergauf: Im Jahr 2008 erwirtschaftete die Hemdenfirma, die sich auf den Vertrieb und die Qualitätssicherung fokussiert hatte, einen Umsatz von rund 27 Millionen Euro.

Alles klang glanzvoll, alles klang gut für die Firma, die in den 70er und 80er Jahren durch eine Anzeigenkampagne in der Zeitschrift "Spiegel" bekannt wurde. Im Jahr 2009 hatte Einhorn laut Veröffentlichung im Bundesanzeiger noch rund 26 Millionen Euro umgesetzt, 3,3 Prozent mehr als im Jahr davor. Wachstumstreiber mit einem Plus von 22,4 Prozent waren, nun ja: die Tommy Hilfiger Tailored-Hemden. Das Unternehmen hatte die Lizenz zehn Jahre - bis zum Juni dieses Jahres. Vielleicht sollte ich meinen Patenkindern statt Fernsehprogramm die Geschichte dieses Textilunternehmens erzählen. Eines, das wie viele andere die Region Neckar-Alb prägte.

Und das, wie Anfang August noch in einer Pressemeldung der Standortagentur Tübingen-Reutlingen-Zollernalb geschehen, in einem Atemzug mit Marken wie Hugo Boss, MarcCain, Mey bodywear, Trigema, Rösch oder Sanetta genannt wurde. Und ­ das werde ich meinen Patenkindern am Ende sagen ­ "vielleicht geht die Geschichte des Kirchentellinsfurter Einhorns doch noch gut aus." Wie im Filmmärchen "Das letzte Einhorn" eben.

pr

19.08.2010 - aktualisiert: 19.08.2010 10:15 Uhr

 






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