12. AUGUST 2010
Meine Güte, waren das viele Menschen! Rund 12 000 sollen es gewesen sein, die vergangenes Wochenende gegen Stuttgart 21, gegen den geplanten Durchgangsbahnhof protestiert haben. Lautstark und unübersehbar. Ja, ansehen wollte ich mir das schon lange. Nicht nur, weil ich ein Fan des Stuttgarter Hauptbahnhofs bin, dessen geschichtsträchtige Nordflügel nun abgerissen werden soll. Sondern auch, weil ich mir die Baustelle, die auch unser Reutlinger Leben verändern wird, einmal selbst aus nächster Nähe betrachten wollte. Und schon war ich mitten drin in den Meinungsverschiedenheiten rund um "Stuttgart 21".
Hörte am Rande des Protestzuges von den Befürwortern des Abrisses und des Umbaus die Pros und von den Gegner - logisch - die Contras. Lassen Sie mich die Argumente so, wie ich sie gehört habe, einfach einmal für Sie bündeln, liebe Leser und Leserinnen. Schließlich ist es mein Beruf, Ihnen Informationen aus erster Hand also frisch vom Schauplatz mitzubringen. Aber bitte: Eine Meinung bilden Sie sich daraus schon selber! Nicht, dass es hinterher heißt, der Sebastian wäre Schuld daran, dass Stuttgart 21 gekippt wurde...
Am Rande und auf der Demonstration hörte ich also zum Beispiel Folgendes: Manche (also meist die Gegner von Stuttgart 21) behaupten, die Verbindung Stuttgart-Tübingen profitiere nicht von S21. Das stimmt - so meinen einige Befürworter des Milliarden-Projekts nicht. Mit Stuttgart 21 wird es ihrer Meinung nach mehr schnelle Verbindungen zwischen Stuttgart und Tübingen geben und mehr Leute könnten diese schnellen Verbindungen nutzen. Heute fährt der Zug die Strecke durchs Neckartal (über Stuttgart Bad-Cannstatt, Esslingen, Plochingen, Nürtingen, Metzingen, Reutlingen). Er braucht circa 61 Minuten. Der Weg ist lang, der Zug hält oft. In der Hauptverkehrszeit fährt der Zug alle halbe Stunde, ansonsten stündlich.
Zusätzlich gibt es einen Interregio Express, der nur in Reutlingen hält. Er braucht 45 Minuten, verkehrt aber nur alle zwei Stunden. Zukünftig, mit Stuttgart 21, führe der Zug über den Flughafen in 41 Minuten nach Tübingen. Diese schnellere Verbindung stünde viel öfter zur Verfügung und hielte an zwei Haltestellen mehr als der heutige Interregio Express. Das wären zusätzlich zu Reutlingen die Haltepunkte Flughafen/Messe sowie Nürtingen. Es wäre so einige Befürworter von Stuttgart 21 zu erwarten, dass diese Verbindung in der Hauptverkehrszeit halbstündlich und ansonsten stündlich zur Verfügung steht.Letztendlich hinge die Taktung von der Bestellung des Landes ab. Eine große Rolle spiele dabei die Nachfrage. Klar sei aber, dass sich der Nahverkehr im Süden der Region verbessere. Und jetzt die andere Seite der Medaille. Unter den Protestlern fand ich einige, die sich offensichtlich gut auskannten. Unter anderem, weil sie fleißig Zeitungen nach neuen Nachrichten zum Stuttgarter Hauptbahnhof und das Geschehen in und rund um ihn durchforsteten. Für das S 21-Projekt müssten alle Kommunen im Land schon jetzt eine Million Euro beisteuern.
Und so hätte etwa der Verkehrsverbund Neckar-Alb-Donau (NALDO) unlängst über die regionale Presse verlauten lassen, dass von und nach dem künftigen Tunnelbahnof keine Dieselfahrzeuge mehr verkehren können, so dass die populäre IRE-Schnellverbindung von Stuttgart über Reutlingen-Tübingen nach Balingen, Albstadt, Sigmaringen und Aulendorf selbst dann nicht mehr aufrecht zu erhalten sein wird, wenn die eingesetzten Neigezüge wieder störungsfrei funktionieren werden. Aha! Doch zum Glück hat es in Reutlingen aufmerksame Amtsträger, die schnell reagieren bevor Reutlingen von der Schiene abgeschnitten wird: "Es ist unverzichtbar, dass wir die Elektrifizierung im Naldo-Land zügig vorantreiben und unsere Region in Sachen Elektrifizierung mit einer Stimme spricht", erklärte zum Beispiel Landrat Thomas Reumann. Und um beim Schienenverkehr in der Region nicht ins Hintertreffen zu geraten, haben die Landkreise Reutlingen, Tübingen, Sigmaringen und der Zollernalbkreis bereits im Februar dieses Jahres eine Interessensgemeinschaft gebildet. Unterstützt von der IHK.
Doch was der ganze elektrische Spaß wohl kosten wird? Und dann gab's noch ein paar Argumente bezüglich der so genannten "Wendlinger Kurve", über die künftig die RE-Züge von Tübingen und Reutlingen kommend nach Stuttgart-Flughafen und Stuttgart Hauptbahnhof geführt werden sollen. Aus Kostengründen soll diese nur eingleisig gebaut werden. Für den Verkehr von und nach Reutlingen und Tübingen bedeutete dies nach Meinung der Stuttgart 21-Gegner: Ein Kapazitätsengpass, von dem abzusehen wäre, dass er nicht nur die Freiheit der Fahrplangestaltung einengen, sondern auch den täglichen Betrieb deutlich erschwere, würde gebaut.
Die Bahnreisenden dürften sich somit schon heute darauf einstellen, dass sie nachdem Milliarden an Steuermitteln verbaut worden wären die Lautsprecherdurchsage "wegen hoher Streckenauslastung hat unser Zug derzeit X Minuten Verspätung" künftig häufig hören würden. Sag also einer, Demonstrationen hätten keinen Wert. Ich jedenfalls habe am Wochenende in Stuttgart einiges erfahren. Übrigens auch, dass man den rollenden Milliardenzug Stuttgart 21 noch stoppen kann. In Tübingen haben sich das diese Woche übrigens schon einige Protestler auf ihre Fahnen geschrieben. Und auf der Neckarbrücke Radau gemacht. Mal sehen, wann sich in Reutlingen jemand regt.