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Wenn man es richtig macht

Rathaus Reutlingen: Gibt‘s neben trockenem Amtsalltag bald auch Shoppingfreuden?

Foto: Anja Allmeritter

29. JULI 2010
 

Väter haben bekanntlich meist einen guten Ratschlag für ihre Söhne parat. Das gilt für mich und meinen Sohn im Teenageralter. Und für mich und meinen Vater. Immer noch. Obwohl ich die Pubertät längst überschritten habe. Wenn mein Vater mir Tipps für's Leben gibt, dann beendet er seine wohlgemeinten Anmerkungen immer mit einem Satz: "Junge, das ist genau das Richtige. Wenn man es richtig anpackt." ­ Sehr schlau, sehr diplomatisch. Sehr mein Vater. Denn wenn sein guter Tipp ins Leere führt, dann hat er sofort das beste Argument aller Zeiten parat. "Ich hab's Dir ja gesagt, Du musst es richtig machen." Klasse. Natürlich verwende ich als Vater genau diesen Spruch auch bei meinem Sohn.

Auch heute möchte ich ihn gerne wiederholen. Zwar nicht für meinen pubertierenden Sohn, aber für die Gemeinderäte Reutlingens: "Wenn Sie's machen, dann bitte richtig, ja?!" Schließlich steht den Damen und Herren dieses Gremiums eine wichtige Sache bevor. Sie sollen, müssen entscheiden, ob auf dem Rathaus-Areal womöglich nebst (trockenen) Verwaltungstätigkeiten auch bald (lustbetonte) Einkaufsaktivitäten ausgeführt werden. Der CDU-Fraktion ­ oder wer auch immer jetzt diese Diskussion angestoßen hat ­ sei Dank, dass das Sommerloch also gefüllt sein wird: mit hitzigen Debatten ob dem Für und Wider bezüglich eines Einkaufscenters in "bester Lage", mitten im "Herzen der Stadt". Das wird spannend werden! Mit dieser Meinung bin ich übrigens nicht allein.

Auch Jürgen Fuchs (FWV) hat dies bei der Gemeinderatssitzung vergangenen Donnerstagabend nach der Präsentation eines Gutachtens der LBBW Immobilien Kommunalentwicklung GmbH sofort erkannt. Die pries das Areal am Rathaus als ein "wichtiges Scharnier" zwischen Altstadt und zukünftiger Stadthalle an und hatte gleich ein paar Vorschläge parat, wie das Ganze aussehen könnte. Zwischen 3 000 und 6 600 Quadratmeter Verkaufsfläche könnten entstehen, nutze man das bisherige Gebäude und bebaue zusätzlich entlang der Rathausstraße. Oder man verdichte das Areal, reiße das ehemalige Stadtwerke-Gebäude ab und baue es wieder neu auf. An der Tiefgaragen-Statik müsse dann natürlich auch etwas getan werden. Vielleicht sogar ein Teilabriss samt ­ na raten Sie mal ­ jawohl: Erneuerung. Eine "Operation am offenen Herzen", wie es von Seiten der LBBW Immobilien Kommunalentwicklung GmbH hieß.

Eine Sache, die gut gehen kann. Wenn's gut läuft. Und da frag ich mich: Läuft's gut, wenn (fast) alles neu ist? In letzter Zeit scheint mir das (nicht nur) in Reutlingen die Parole zu sein. Neue Stadthalle, neues Theater statt alter Planie und nun auch noch neues Einkaufsareal statt Rücksicht auf ein altes architektonisches Gesamtkonzept. Das des Architekten Wilhelm Tiedje nämlich, der das Areal zwischen 1962 und 1965 so erschaffen hat, dass es von allen Seiten frei einsichtig ist. Eine Ode an die Transparenz der Demokratie sozusagen. Das wäre ­- egal ob Variante eins oder zwei ­- nicht mehr ganz der Fall. Fast also eine architektonische Sünde. Eine Sünde an einer "Ikone", wie der Architekt Hubert Krämer (FWV) das Ensemble benannte. Und womit er möglicherweise den Anstoß zu einer Diskussion gegeben haben könnte, die der ganz ähnlich werden könnte, die in Stuttgart noch immer läuft ­ die Diskussion um Stuttgart 21.

Freilich, Reutlingen ist nicht Stuttgart. Aber vielleicht wurde ein Teil des Architektur-Ensembles vorsichtshalber gleich doppelt gesichert. Im Gutachten heißt es nämlich, dass der Ratssaal sowie das Hauptgebäude der Stadtverwaltung "nicht zur Disposition stehen". Und just vor einigen Tagen erreichte mich eine Pressemeldung, dass das "Ratsgebäude der Stadt Reutlingen nach über 44-jähriger Nutzung energetisch saniert" wird. Dabei würde unter anderem die Glasfassade des Großen Sitzungssaales erneuert und auch der Innenausbau des großen Ratssaales, sowie die vorhandene Möblierung aufgearbeitet und erneuert. Einrüstung des Ratsgebäudes: der 28. Juli.

So schnell kann's gehen. Liege ich richtig, wenn ich meine, dass die Stadt also kaum etwas anrühren wird, für das sie viel Geld auszugeben gedenkt? Damit wäre also schon mal ein Teilurteil gefällt. Jetzt sagen Sie 's, liebe Reutlingerinnen und Reutlinger: War' s die richtige Entscheidung?

29.07.2010 - aktualisiert: 29.07.2010 10:33 Uhr

 






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