Sebastian

Interview der Woche
 

Gemeinschaftsschule

Gemeinschaftsschule: Baden-Württemberg bekommt eine neue Schulform: Die Gemeinschaftsschule, bei der Kinder von der 1. bis zur 10. Klasse gemeinsam unterrichtet werden. Was halten Sie von diesem Schulkonzept?

 
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Wenn du meinst, es geht nicht mehr...

Türen auf für alle.
Foto: pr

22. JULI 2010
 

Meine Großmutter war eine große Sammlerin. Lebensweisheiten waren ihr Metier. Hatten sie ihren Überprüfungen Stand gehalten, erhielten sie einen Ehrenplatz. Eingebrannt auf einem Holzbrettchen oder einem Porzellanteller, aufgeschrieben auf ein schönes Blatt Papier, wurden sie an die Wand über ihrem Bett gehängt.

Als ewige Ermahner, ständige Ermunterer, zweizeilige Hoffnungsschimmer. Einer der Sprüche, der es in die Sammlung meiner Großmutter geschafft hat, lautet: "Wenn Du meinst, es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein Lichtlein her." Ich habe diesen Satz oft von ihr gehört. Als Kind hat er meinen Glauben daran gestützt, dass alles gut wird.

Jetzt, als Erwachsener, bin ich etwas nüchterner geworden. Glaube nicht mehr so felsenfest an das große Wunder, das um die Ecke biegt, um mein Leben in Schieflagen wieder gerade zu rücken. Aber ein wenig von der in Kinderzeiten durch diesen und andere Sprüche in mich gepflanzten Hoffnung flackert auch heute noch immer wieder auf. Kürzlich erst ist es wieder passiert.

Da glaubte ich plötzlich wieder daran, dass auf dieser Welt auch gute Dinge passieren können. Dass Gerechtigkeit herrscht. Eine klitzekleine Zeitungsmeldung hat mir die gute Nachricht überbracht. "Teilerfolg für Waldorfschule" lautete die Schlagzeile, hinter der der Hoffnungsschimmer aufblitzte.

Demnach muss das Land Baden-Württemberg die Finanzierung von Privatschulen überdenken, zu denen auch die Waldorfschulen gehören. Denn was nur wenige wissen: An Waldorfschulen ­ so auch an der Reutlinger Waldorfschule ­ bekommen Lehrkräfte im Vergleich zu Lehrern im "öffentlichen" Bereich 25 Prozent weniger Gehalt.

Und Eltern müssen dafür, dass ihr Kind in die Waldorfschule gehen kann, meist zwischen 160 bis 180 Euro pro Kind bezahlen. Für Eltern, die sich das nicht leisten können, springt oft ein Solidarfond ein und befreit deren Kinder ganz oder teilweise vom Schulgeld. Laut Grundgesetz dürfen Privatschulen nämlich die Aufnahme von Schülern nicht an die Besitzverhältnisse der Eltern knüpfen.

Gerade wegen dieser Besonderheiten rutschen die meisten Waldorfschulen alljährlich mehr in die roten Zahlen. Das Land zwinge mit seinen geringen Zuschüssen ­ so die Klage der Nürtinger Waldorfschule ­ die Schule dazu, von den Eltern hohe Beiträge zu verlangen. Seit 2003 klagen die Nürtinger darum gegen zu niedrige Zuschussbescheide.

Andere Waldorfschulen wie die Freie Georgenschule in Reutlingen hatten sich der Klage, aus der dadurch eine Sammelklage wurde, angeschlossen. Und profitieren jetzt vom Erfolg. Denn der Verwaltungsgerichtshof gab der Nürtinger Waldorfschule und damit den anderen Klägern Recht: Das Land muss die finanzielle Förderung von Privatschulen überdenken und einen Ausgleich für die von der Schule aus sozialen Gründen gewährten Schulgeldbefreiung leisten.

Da leuchtet sie also tatsächlich auf, die Hoffnung, kommt von irgendwo her wie es der Porzellanteller über dem Bett meiner Großmutter es in goldenen Lettern beschwört hat! Sollte das Urteil durchgehen, wäre das eine riesige Sache für alle Privatschulen, die Waldorfschule inklusive. Nicht nur, weil vermutlich die roten Zahlen langsam in schwarze verwandelt werden könnten.

Sondern auch, weil mit möglichen höheren Zuschüssen einiges getan werden könnte. Robert Manger, Geschäftsführer im Vorstand der Freien Georgenschule Reutlingen jedenfalls wagt zu träumen, als ich ihn in der Sache anrufe. Man könnte die niedrigen Lehrergehälter hoch setzen und für die Schüler neue pädagogische Projekte anbieten, man könnte...

Doch auch Robert Manger ist realistisch genug um zu wissen, dass noch nicht aller Tage Abend ist. Denn gegen das Urteil des Veraltungsgerichtshofes kann noch Revision eingelegt werden.
 
 

rw

22.07.2010 - aktualisiert: 22.07.2010 09:09 Uhr

 






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