Sebastian

Interview der Woche
 

Gemeinschaftsschule

Gemeinschaftsschule: Baden-Württemberg bekommt eine neue Schulform: Die Gemeinschaftsschule, bei der Kinder von der 1. bis zur 10. Klasse gemeinsam unterrichtet werden. Was halten Sie von diesem Schulkonzept?

 
Stadthalle Reutlingen
 
Alles was Recht ist
 
Sonntagsbraten
 
Autotest
 
Autotest
 
Drucken

Das Reutlinger-Parkplatz-Bingo

Wo gibt es hier einen freien Parkplatz?
Foto: diet

8. JULI 2010
 

Es ist schon zum Ritual geworden. Immer, wenn ich mit einem meiner Freunde in einem Reutlinger Café frühstücken gehe, spielen wir danach Tiefgaragen-Bingo. Konkret sieht das so aus: Wir stellen uns vor den Kassenautomaten des Rathaus-Parkhauses und geben Wetten darüber ab, wie viel uns das gemeinsame Frühstücken an Parkzeit gekostet hat.

Danach wird das Parkticket in den dafür vorgesehenen Schlitz geschoben und auf die Anzeige gewartet. Hat einer von uns beiden den richtigen Betrag erraten, muss er binnen weniger Sekunden "Bingo" rufen. Ein seltsames Spiel, zugegeben. Doch auch gestandene Männer wie ich, der Sebastian, sind manchmal einfach nur Spielkinder.

Oder suchen nach einem Grund, um einmal wieder so richtig albern zu sein. Doch seit einiger Zeit ist uns das Lachen vergangen. Genauer: Seitdem die Parkgebühren in Reutlingen nach oben geschnellt sind. Unser Frühstücks-Vergnügen wandelt sich seither angesichts der Preisanzeige am Kassenautomaten vom Spaß zum bitteren Ernst.

Rund zwei Euro pro Stunde kostet das Parken im Innenstadtbereich. Und was ist schon eine Stunde, wenn zwei Männer sich unterhalten! Eine andere Lösung musste also her. Unser gemeinsames Ritual aufgeben, das wollten mein Freund und ich nämlich nicht. Denn unsere Gespräche entspannten uns und waren uns Inspiration für eine ganze (Arbeits-) Woche. Darüber hinaus kurbelten wir die Umsätze der Reutlinger Gastronomie an, indem wir Croissants und Kaffee satt bestellten.

Im Internet fanden wir gleich mehrere Lösungen für unser kostenintensives Park-Problem. Auf einer Seite mit dem Titel "gratis parken" sichteten wir gleich mehrere Hinweise auf Parkplätze "für umsonst" ­ natürlich ohne Gewähr. Innenstadt und Oststadt präsentierten sich uns auf dieser Homepage, die übrigens auch die Rubrik "gratis pinkeln" ausweist, als wahre Eldorados für Menschen mit ausgedehnten Frühstücksritualen.

Dem Luxus unserer gemeinsamen Zeit eine Gratis-Parklücke gegenüberzustellen, klang verlockend. Und darum fuhren wir die angeführten Straßenzüge zum Testen eine Woche lang an. Zum Beispiel die Seestraße zwischen Leonhardsplatz und Albstraße, die Schulstraße oder die Bismarckstraße rund um das Landratsamt. Niente, nichts! Denn wir waren nicht die einzigen, die hier nach einer günstigen Parkmöglichkeit suchten.

Fanden wir dann doch einmal eine Lücke für mein sowieso schon kleines Auto, stellte sich heraus, dass die Gratis-Park-Zeit auf eine Stunde beschränkt war. Auszuweisen durch eine ins Auto gelegte Parkscheibe. Viel zu stressig für uns, verbrauchten wir doch schon eine halbe Parkzeit auf dem Weg ins Café. Doch die Reutlinger sind ja ein nettes Volk ­ und darum brachte uns unsere Parkplatz-Testwoche auch einige weitere Tipps ein. Doch so geheim waren auch die nicht mehr.

In den Straßen rund um die Pomologie und die Listhalle spielten wir zusammen mit anderen Autobesitzern, Anwohnern und "Fremdparkern" ­ eine leicht abgewandelte Version der "Reise nach Jerusalem": Ganz schnell in die nächste Parklücke einfahren, bevor es auch hier keine mehr gibt.

Zugegeben, dieses Spiel hat uns recht schnell gefrustet und auch gestresst. Kein Vergleich zum Rathausbingo von früher, bei dem wir zwar etwas berappen mussten, aber dabei immer noch das Gefühl gehabt hatten, auch etwas für unsere Entspannung getan zu haben.

Doch so schnell aufgeben wollten wir die Vision vom Gratisparkplatz nicht und beschlossen, noch einmal einen Tipp zu befolgen. Den hatte uns übrigens eine ältere Dame gegeben. Sie würde dort immer mal wieder parken, wenn sie mit ihren Freundinnen in die Stadt ginge, um gemütlich einen Kuchen zu essen.

Dabei hatte sie uns zugezwinkert wie eine Verbündete. Doch als wir uns dem Parkplatz-Paradies näherten, dämmerte es uns langsam: Sie hatte den Parkplatz bei der Polizei gemeint! Und der war uns nun wirklich zu "heiß." Seither parken wir gar nicht mehr.

Wir fahren Zug, ärgern uns dabei über schlechte Verbindungen und nachher bei unserem Frühstück fragen wir uns, ob sich die Stadt mit der Erhöhung der Parkgebühren einen Gefallen getan hat. Geld kommt sicher rein. Doch der ein oder andere wird die Lust am Stadtbesuch samt Einkauf womöglich verlieren. Und lieber irgendwo "auf der grünen Wiese" einkaufen gehen, wo das Parken umsonst ist.

Statt Kassenautomaten-Bingo spielen mein Freund und ich jetzt nach dem Frühstück übrigens Leere-Parkplätze-Zählen im Rathauskeller. Und davon ­ so unser Eindruck ­ gibt' s seit der Gebühren-Erhöhung einige mehr. Aber ob das jetzt was zum Lachen ist?
 
 

rw

08.07.2010 - aktualisiert: 08.07.2010 10:37 Uhr

 






nach oben