26. November 2009
Hörsaal-Besetzungen und Forderungskataloge: Studierende, auch in Tübingen, drücken derzeit ihren Unmut über die Studienbedingungen aus. Wir sprachen mit Fabian Everding, Mit-Organisator der Kupferbau-Besetzung in Tübingen, über die Studenten-Proteste.
Herr Everding, im Moment ist ja sehr viel los an der Tübinger Uni - kommen Sie überhaupt noch dazu, in Ruhe zu studieren?
Fabian Everding: Ich persönlich habe zum Glück gerade ein Semester mit nicht ganz so vielen Veranstaltungen. Das liegt aber auch daran, dass ich mich entscheiden musste, mein Studium von sechs auf acht Semester auszudehnen. Trotzdem ist es schwierig, die Arbeit für die Seminare und die Besetzung unter einen Hut zu bringen. Andererseits sind wir auch relativ viele, sodass jeder noch zu seinem eigenen Studium kommt. Viele besetzen auch einfach in den Freiräumen zwischen den Pflichtveranstaltungen den Kupferbau, bringen ihre Notebooks mit und lernen dort. Man kommt schon noch zum Lernen.
Studiengebühren, Bologna-Reform und übervolle Hörsäle im Bildungsbereich brodelt es gewaltig, aber nicht erst seit gestern. Was hat das Fass jetzt zum Überlaufen und damit die Proteste auf den Weg gebracht?
Fabian Everding: So etwas wie eine Initialzündung waren die Proteste in Österreich. Man konnte sehen, dass sich durch die Hörsaal-Besetzungen etwas getan hat. Die Einführung der Reformen und der Studiengebühren ist ja noch nicht so lange her. Inzwischen ist aber genug Zeit vergangen, sodass auch diejenigen, die am Anfang Studiengebühren befürwortet haben, erkannt haben, dass die Situation tendenziell nicht besser wird. Dass Land möchte sich offensichtlich aus der finanziellen Verantwortung zurück ziehen. Die Uni wird sich mit allen Finanzierungsfragen selbst überlassen. Sie wird ja quasi gezwungen, die Studiengebühren-Gelder für Zwecke einzusetzen, die eigentlich nicht dafür vorgesehen sind - einfach weil zu wenig Geld da ist. Man muss aber auch ganz klar sehen: Wir sagen nicht, die Uni oder der Rektor ist schuld an allem, sondern fordern das Land auf, zu seiner Pflicht zu stehen.
Was sind, neben der Abschaffung der Studiengebühren, ihre Hauptforderungen?
Fabian Everding: Es gibt einen breiten Forderungskatalog sowohl vom Bildungsstreik, als auch vom Plenum, das die Kupferbau-Besetzung organisiert. Im Wesentlichen geht es darum, die Hochschulen sozial zu öffnen, sprich den Numerus Clausus abzuschaffen und jedem, der es möchte, ein bestimmtes Studium zu ermöglichen. In diesem Zusammenhang ist dann auch die Aufstockung des Lehrpersonals notwendig.
Ein Großteil der Forderungen kostet Geld. Gleichzeitig möchten Sie die Studiengebühren abschaffen. Wie soll das gehen?
Fabian Everding: Mit dem momentanen Steuermodell geht das natürlich nicht. Wir fordern die Verbesserung der Bedingungen im Bildungssystem, sehen es aber nicht als unsere Aufgabe an, zu überlegen, an welcher Stelle das Geld reinkommen soll. Das ist Aufgabe der Landesregierung. Natürlich haben wir Vorstellungen, wie es gehen könnte. Die Kosten verursachenden Faktoren könnten am besten durch die Einführung einer Vermögenssteuer ausgeglichen werden. Diejenigen, die entsprechend viel Geld verdienen, sollten auch das Gemeinwesen mitfinanzieren. Es geht da ja nicht nur um den Bildungsbereich. Wir schätzen, dass dadurch mindestens zwei Milliarden Euro mehr in die Kassen fließen. Das ist allerdings keine Forderung, nur eine Anregung. Auch der neue Koalitionsvertrag der schwarz-gelben Regierung sagt der Bildungsarmut den Kampf an, ich sehe nur nicht, wie das mit den geplanten Steuersenkungen realisiert werden soll.
Für wie realistisch halten Sie es, Ihre Forderungen durchzubringen?
Fabian Everding: Ich glaube nicht, dass die aktuelle schwarz-gelbe Regierung allzu weit auf unsere Forderungen eingehen wird. Trotzdem wird diese Forderung früher oder später zum Erfolg führen. Natürlich sind das Maximalforderungen, in der Realität wird es wahrscheinlich so sein, dass wir nicht alles zu 100 Prozent umsetzen können. Nichtsdestotrotz sind diese Forderungen ernst gemeint, wir gehen auch davon aus, dass sie finanzierbar sind. Man wird sehen müssen, wie sich die politische Entwicklung, auch hinsichtlich der Landtagswahl 2011, weiter gestaltet. Mit einem kurzfristigen Erfolg würde ich nicht rechnen. Trotzdem ist es wichtig, weiterhin den Finger in die Wunde zu legen.
Langfristig das ist wohl das Stichwort. Fürchten Sie nicht, dass den Protestierenden auf Lange Sicht die Luft ausgeht?
Fabian Everding: Man muss einfach dran bleiben. Natürlich gibt es jetzt, nach über einer Woche Besetzung, Leute am Ende ihrer Kräfte sind. Aber es kommen relativ viele neue Leute nach. Momentan ist es eine breite Masse, die dabei ist.
Wie soll es weiter gehen?
Fabian Everding: Es ist noch kein Ende in Sicht. Wir haben Anfang der Woche einen Forderungskatalog an das Rektorrat überreicht. Jetzt muss man sehen, wie die Reaktion darauf ist und ob sich Fortschritte zeigen. Langfristig muss es vor allem inhaltlich weiter gehen. Man muss dran bleiben, auch am Bildungsstreik-Bündnis.