REUTLINGEN. »Same procedure as every year«, mit diesem berühmten Zitat aus dem Silvesterklassiker »Dinner for one« läutete Pfarrer Jörg Mutschler das Pressegespräch ein. In dem Kultstück geht es um die immer gleiche Prozedur die – versetzt mit einer gehörigen Portion Humor – gepflegt wird. In der Vesperkirche ist es nicht viel anders, nur geht es hier weit weniger humorvoll zu. Soll nicht heißen, dass alles bitter ernst genommen wird. Die Protagonisten kommen eben nicht aus »Gehobenem Haus«, sondern sind eher am Rande der Gesellschaft zu finden. Harzt4- Empfänger, Obdachlose, Alleinerziehende und Migranten nehmen abwechseln am Tisch Platz. Das Innere der Nikolaikirche gleicht vier Wochen im Jahr einem Wirtshaus. Für Pfarrer Jörg Mutschler, der dem Leitungskreis angehört, absolut in Ordnung. Allerdings muss hier keiner für sein Essen zahlen, sondern kann, sofern er will, einen kleinen Obolus in die aufgestellten Spendenboxen werfen. »Das System hat sich bewährt«, sagt Mutschler, wenngleich in diesem Jahr die Spendenbereitschaft etwas zurückhaltender sei. Pfarrer Dr. Joachim Rückle sieht darin ein ganz klares Zeichen, das Thema Armut mehr in den Fokus zu rücken. In Anbetracht der großen Nachfrage an einer warmen Mahlzeit werde sogar überlegt, die Vesperkirche künftig in die größere Christuskirche umzuquartieren. »Wir platzen aus allen Nähten«, so der einhellige Tenor. 

»Vesperkirche ist keine Armenspeisung. Es ist ein Ort der Begegnung, an dem der Hunger auf vielerlei Art gestillt wird«, so Mutschler. Der Kirchenmann weiß genau, um die Probleme außerhalb der Kirchenpforte. Doch Hass und Fremdenfeindlichkeit habe hier keinen Platz. »Die Vesperkirche ist ein Übungsfeld für Respekt und Würde«. Die Besucher kommen aus dem ganzen Oberamt. Das Klientel wechselt. Im letzten Jahr waren es viele Osteuropäer, in diesem Jahr zeigen sich die Moslems begeistert, denn solch eine Aktion gibt es in ihrer Religion nicht. 


Um den Gästen vier Wochen lang einen möglichst angenehmen Aufenthalt zu gewährleisten, braucht es ein eingespieltes Team. Kein Problem, denn »freiwillige Helfer gibt es genug«, sagt Mutschler. Auch das Interesse bei Azubis und Schülern sei groß. So bieten seit Kurzem angehende Friseure der Kerschensteinerschule einen kostenlosen Haarschnitt oder eine Rasur an. Es war sogar eine mobile Masseurin da. Jörg Mutschler zeigte sich begeistert und nutzte das Angebot gleich selbst. Birgit von Vacano ist ebenfalls ganz begeistert. Sie ist neu im Leitungskreis und staunt täglich aufs Neue, wie alles reibungslos abläuft. Luca Bähne, ein junger Vikar, der im Rahmen seiner Ausbildung vor Ort bei der Essensausgabe mithilft, zeigt sich erstaunt, dass bei der Rückgabe fast alle Teller leer wahren. Ein Indiz dafür, wie hungrig die Leute waren und wie gut es ihnen geschmeckt hat. Die Essenzubereitung liegt einmal mehr in den Händen der Diakonie. Täglich werden bis zu 400 Portion frisch zubereitet. In den gesamten vier Wochen sind es rund 10 000 Essen. Neuerdings gibt es mittwochs einen Veggi-Tag und freitags wird schweinefleischfreie Kost serviert. Noch bis zum Sonntag, 9. Februar ist geöffnet. 
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Öffnungszeiten: 
Mittagessen täglich von 11 bis 14.30 Uhr, inklusive Getränke und Vesperpaket.
Cafeteria auf der Empore täglich von 11 bis 14 Uhr, Kaffe, Tee, Gebäck

Rahmenprogramm: 
Donnerstag, 6. Februar, 19 Uhr, »Hot Club Harmonists«