REUTLINGEN. Keineswegs selbstverständlich war es, was der Reutlinger Textilunternehmer Emil Gminder damals, am 16. März 1918, ins Leben rief: Eine Bildungsorganisation, die »den Menschen zu eigener Urteilskraft erziehen sollte«, und so aus einem Untertanen einen mündigen Bürger macht. Der Verein für Volksbildung war geboren. Während des Krieges und im Wilhelminischen Obrigkeitsstaat etablierte sich mit der Volkshochschule Reutlingen nicht nur der Zugang zur freien Meinungsbildung - Männer und Frauen hatten gleichermaßen und zwar von Anfang an das Recht auf mehr Wissen. Mit einem speziellen Jubiläumsprogramm, einer Party am 17. März und einem Gewinnspiel widmet sich die VHS nun ihrem 100-jährigen Bestehen.


Das Thema »lebenslanges Lernen« hat sich seitdem immer mehr in den Vordergrund gedrängt. »Im Gegensatz zur Anfangszeit geht es heute viel öfter um den direkten Nutzencharakter. Viele Firmen schicken ihre Mitarbeiter zu uns«, erklärt Dr. Ulrich Bausch. Doch die Interessensgruppen lassen sich nicht beschränken. Vom Manager bis zum Senioren: in der VHS bilde sich weiter, wer möchte, so der Geschäftsführer der VHS. Außerdem sei die stetige Aktualisierung von fachlichem Knowhow inzwischen unabdingbar mit dem beruflichen Vorankommen verknüpft. 
Bausch ergänzt, » In einer Gesellschaft, wo das Vertrauen in die Politik sinkt und die Dauerberieselung und Ablenkung durch die Medien geschieht«, da sei die Anforderung an die VHS immer noch dieselbe wie vor 100 Jahren. Erfolgreich sei die Reutlinger VHS vor allem durch die seit Gminder weitergegebene Tradition der Erwachsenenbildung und durch die Kooperation zwischen den Teilbezirken und die 14 unter dem Dach des Volksbildungs-Vereins versammelten Bildungsinstitutionen. 


Das sind: die VHS, die Abendschule, das Abendgymnasium, die Jugenkunstschule, die Beratungseinrichtungen Kontaktstelle Frau und Beruf, das Regionalbüro des Netzwerks für Berufliche Fortbildung Neckar-Alb, die Berufsfachschule für Ergotherapie, das Bussiness & Management Institut, die Design- und Kunstakademie, die Gesundheits-Akademie, die Musikschule, die Sternwarte und das Planetarium sowie die Zeitenspiegel-Reportage-Schule. Zusammen schaffen diese Einrichtungen ein »großstädtisches Weiterbildungsangebot«, so Bausch. 
Der jährliche Gesamtumsatz des Dachvereins beläuft sich auf 11,3 Millionen Euro. Die Weiterbildungsdichte von ganz Deutschland und auch die von Baden-Württemberg überschreitet Reutlingen jährlich bei Weitem - bei 670 Unterrichtseinheiten auf 1000 Bürger gerechnet .

Mit dem Bildungsprogramm Frühjahr/Sommer 2018 widmet sich die Volkshochschule mit sechs Themenabenden den Seminaren des ersten Semesters von 1919. Diese tragen dieselben Titel wie damals: so zum Beispiel »Die Gedanken des Altertums, des Mittelalters und der Neuzeit über den Staat«, »Das Deutsche Genossenschaftswesen« oder auch »Wirksames aus 100 Jahren Erfahrungsheilkunde«. Experten erörtern darin nicht nur damalige Standpunkte sondern schaffen einen Abgleich mit der Gegenwart.


Gebührend gefeiert wird das Jubliäums-Semester außerdem anhand zahlreicher Schnuppermöglichkeiten: alle 267 Sprachkurse können Interessierte einmal kostenfrei besuchen und daraufhin entscheiden, ob sie das Bildungsangebot wahrnehmen oder nicht. Etliche weitere und neue Kurse, sei es ein Kreativ-, ein Gesundheits-, ein Tanz-, Kampfport- oder auch EDV-Kurs, können »beschnuppert« werden. Ein Gewinnspiel krönt das Jubiläum: Hauptpreis ist die kostenlose Nutzung eines Elektroautos für ein Jahr. Das neue Programmheft müssen die potentiellen Gewinner dafür aber gründlich lesen.