»Nachts sind alle Katzen grau«, sagt das Sprichwort. Grau sind nachts auch viele Radfahrer in Tübingen, denn sie fahren ohne Licht. Der Unterschied ist: sie leben ziemlich riskant. Und gefährden nicht nur andere Verkehrsteilnehmer, sondern vor allem sich selbst. Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) schätzt, dass knapp 40 Prozent der Radfahrer bei Dunkelheit mit mangelhafter oder gänzlich ohne Beleuchtung unterwegs sind. In Tübingen liegt der Anteil ähnlich hoch, wie Zählungen ergaben. Experten sind sich darüber einig, dass eine Menge Unfälle mit der richtigen Beleuchtung am Fahrrad verhindert werden könnte. Gerade jetzt in der dunklen Jahreszeit. Dabei schreibt die Straßen-Verkehrs-Zulassungs-Ordnung (StVZO) eine funktionierende Lichtanlage an einem Fahrrad vor. »Wer ohne vorschriftsmäßige Beleuchtung unterwegs ist, riskiert nicht nur ein Bußgeld«, sagt der ADFC. »Er begibt sich auch in Gefahr, dass er im Dunkeln im Straßenverkehr übersehen wird.« Mit oft verheerenden Folgen.

Radverkehrsunfälle ereignen sich überwiegend beim Abbiegen, Kreuzen oder Einbiegen, dabei spielen technische Mängel wie fehlende Beleuchtung eine gewichtige Rolle. Im vergangenen Jahr starben auf Deutschlands Straßen 382 Fahrradfahrerinnen und -fahrer, 79 346 wurden verletzt. Damit war jeder achte Verkehrstote und jeder fünfte Verletzte im Straßenverkehr ein Fahrradfahrer. Zwar ist zwischen 2010 und 2017 ist die Zahl der Verkehrstoten in Deutschland insgesamt um 13 Prozent zurückgegangen. Die Zahl der tödlich verunglückten Fahrradfahrer stagnierte jedoch, und die der im Straßenverkehr verletzten Radnutzer ist sogar gestiegen. Den meisten Radverkehr haben in Baden-Württemberg die Uni-Städte Tübingen Freiburg, Karlsruhe und Heidelberg. In Tübingen ist er doppelt so hoch wie im Landesschnitt. Im Kreis Tübingen lag laut Statistischem Landesamt im Jahr 2016 auch die Zahl der verunglückten Radfahrer um ein Viertel höher als landesweit.

Tübingen ist zu dunkel. »Wenn man in der Südstadt abends zwischen parkenden Autos steht und die Straße überqueren will, muss man höllisch aufpassen, nicht von einem Fahrradfahrer ohne Licht angefahren zu werden«, sagt Vanessa M. Die Studentin hat schon einige brenzlige Situationen erlebt. »Gott sei Dank ist bisher nichts Schlimmes passiert.« Ulrich S. arbeitet in Stuttgart und fährt mit dem Auto regelmäßig durch die Tübinger Campusmeile zur Arbeit. »In der Wilhelmstraße sind zu viele unbeleuchtete Fahrräder unterwegs«, hat er beobachtet. Am Lustnauer Tor und im Bereich des Sportinstituts müsse er als Autofahrer besonders achtgeben.

»Es ist jedes Mal eine Herausforderung.« Er ärgert sich, weil der Zustand allgemein bekannt ist, aber »zu wenig unternommen wird«. »Stadt und Polizei müssten klarer durchgreifen«, meint er. »Nur, wenn man die Leute zur Kasse bittet, zeigt es Wirkung.« Zum 1. Juni 2017 änderte das Bundesverkehrsministerium den Paragraphen 67 zu den »Lichttechnischen Einrichtungen an Fahrrädern«. Demnach müssen abnehmbare Leuchten wie Batterie- und Akku-Beleuchtung nicht mehr ständig mitgeführt, sondern nur bei Dämmerung, Dunkelheit oder wenn es die Sichtverhältnisse erfordern, angebracht werden. Aus Sicht des Gesetzgebers ist die Neuregelung »zeitgemäßer und praxisnäher«. Zeitgemäß vielleicht, doch praxisnah? Welcher Fahrradnutzer denkt schon morgens daran, sein Licht für den Abend mitzunehmen? Ein Gesetz, das mehr Risiken zulässt, als Sicherheit gibt, sollte schnellstmöglich wieder rückgängig gemacht werden. 

In Tübingen haben Ordnungsamt und Polizei angekündigt, bei den nächsten Kontrollen die Beleuchtung der Zweiräder ins Visier zu nehmen. Die Polizei informiert auch darüber, wie Beleuchtung und sonstige Ausrüstung eines Rads aussehen müssen. Der ADFC bietet Tipps und praktische Hilfestellungen sowie die kostenlose Broschüre »Lichtblick – ADFC-Tipps zur Fahrradbeleuchtung« an, sie kann im Internet heruntergeladen werden.