Wer sollte in Tübingen für Kunst im öffentlichen Raum eigentlich zuständig sein? Am besten die Kunstkommission, also zumindest indirekt. Denn sie hat zwar keine Entscheidungskompetenz, kann aber immerhin beraten und weiterhelfen, wenn Gemeinderat und Stadtverwaltung mal im Dunkeln tappen. 
Der Kommission gehören der Stuttgarter Stadtplaner Steffen Braun, Fraunhofer Institut, der Historiker, Kulturwissenschaftler und Redakteur Prof. Hans-Joachim Lang, die Tübinger Kunsthistorikerin Prof. Anna Pawlak, die Bildhauerin Birgit Rehfeld, Ostfildern, und der Tübinger Kunsthistoriker Walter Springer an. Alles Leute mit Sachverstand und Reputation, sollte man meinen, die man sich gerne ins Boot holt, wenn es um wichtige künstlerische Fragestellungen geht, wie etwa dieser: Soll am Neckargestade der Universitätsstadt eine Badenixe installiert werden, und wenn ja, warum? 
Oberbürgermeister Boris Palmer hat sich unlängst in eine zeitgenössische Skulptur verguckt und will sie, da im Rathaus kein Platz ist, vor die Tübinger Neckarfront stellen. »Midpoint« heißt das Objekt, geschaffen von der amerikanischen Bildhauerin Carole A. Feuerman. Für die Skulptur stand die mexikanische Schauspielerin Yadira Pascault Orozco Modell, sie zeigt eine Schwimmerin mit Badekappe, die gerade dem Wasser entstiegen zu sein scheint. 
Als Sidekick steht dem OB bei seiner Liaison die Kunsthalle Tübingen bei. »Ich bin überzeugt, dass dieses erste Kunstwerk im öffentlichen Raum aufgrund meiner Initiative für die Kunsthalle und die Stadt ein großer Gewinn sein wird«, erklärte er. Was soll er auch anderes sagen. Ein Verlust vielleicht? Doch Rhetorik beiseite, denn es geht um, man ahnt es, einen neuerlichen Alleingang Palmers. 

Der will darüber, ob die Badenixe kommt oder nicht kommt, selbst entscheiden, die Kunstkommission und der Kulturausschuss des Gemeinderats wurden und werden erst gar nicht gefragt. Intransparenz allenthalben. Schon im Vorfeld hat der OB die Gremien konsequent umgangen, was Irritationen bei deren Mitgliedern auslöste. 
Aber bei Palmers Aqua-Egoshooting könnte die Salve auch nach hinten losgehen. Die Feuermansche Nixe aus bemaltem Polyesterharz im Stil des Hyperrealismus passt vor die mittelalterliche Neckarfront wie der Igel zum Taschentuch. 

Sie wird Wind und Wetter ausgesetzt sein, was ihr auf Dauer sicher nicht guttun wird. Auch nicht dem städtischen Budget, das künftig für die Instandhaltung aufkommen muss. Die Künstlerin Feuerman malt, zeichnet, entwirft Installationen und modelliert lebensgroße und monumentale Figuren. Zu ihren Hauptthemen zählen Schwimmer und Badende. Ihre Arbeiten waren, wird behauptet, in vielen Museen in den USA, Europa, China und in Südkorea zu sehen und finden sich in bedeutenden Sammlungen wie der des Kaisers von Japan. 

Doch bei eigenen Recherchen hat die Kunstkommission unter den Referenzen der Künstlerin zu Auszeichnungen und Ausstellungsorten auch Falschbehauptungen festgestellt. Zudem gilt Feuerman als begnadete Epigonin und, mehr noch, außergewöhnlich erfolgreiche PR-Agentin in eigener Sache. So vermarktet sie unter ihrem Label so ziemlich alles, was sich zu Geld machen lässt: eine »Feuerman Baseball Cap« kostet 18,92 Euro, die zweiseitige »Serena Make-up Tasche« 42,58 Euro, die »Porzellan Feuerman Platte« 45,42 Euro, das »Nächster Sommer Flare Kleid« ist für 121,94 Euro zu haben. Bleibt abzuwarten, wann Feuerman die Badende in serielle Produktion schickt. 
Der Ankauf der Nixen-Skulptur würden private Sponsoren ermöglichen, so heißt es. Auf die Stadt kämen für den Sockel und fürs Aufstellen Kosten in Höhe von zirka 20 000 Euro zu. 

Welche Beweggründe könnte der Oberbürgermeister nun haben, die badende Plastik-Frau nach Tübingen zu holen? Weil sie so gut wie umsonst zu bekommen ist? Vielleicht. Doch halt. Da war doch was. Unter dem Motto »Transformation einer Stadtlandschaft« präsentierte die im Oktober zu Ende gegangene Bundesgartenschau in Heilbronn 24 Skulpturen, zwei davon stammen von Carole A. Feuerman. Da hat sich Palmer wohl inspirieren lassen und will für sein Projekt, eine Gartenschau nach Tübingen zu holen, schon mal erste vollendete Tatsachen schaffen.