Alle reden vom Verkehr, bebaubaren Grundstücken und vom Klima – da hat natürlich die Landtagswahl von 2021 nicht so viel Aufmerksamkeit verdient. Dabei müsste die  Menschen im Wahlkreis Tübingen die Nachricht bekümmern, dass sie sich möglicherweise auf eine erneute Einteilung einstellen müssen. Das Stuttgarter Innenministerium hat jedenfalls durchblicken lassen, dass künftig die Gemeinden Hirrlingen und Starzach dem Wahlkreis Balingen zugeschlagen werden könnten. 
Genau genommen ist der Wahlkreis Tübingen im Verhältnis zu anderen ganz einfach zu groß geworden, nach Ansicht des Staatsgerichtshofs sollte die Zahl 25 Prozent der mittleren Größe nicht überschreiten. In Zahlen: 2016 waren es knapp 135 000 Wahlberechtigte, der Wahlkreis Reutlingen hatte knapp 130 000, landesweit lag der Schnitt gerade mal bei knapp 110 000. Balingen lag bei etwas mehr als 114 000. Nimmt man den landesweiten Schnitt von knapp 110 000, dann könnte sich der Wahlkreis Tübingen gerade noch etwas mehr als 137 000 Walhberechtigte »leisten«. Wenn man bedenkt, dass seit 2011 exakt 4 422 Wahlberechtigte hinzugekommen sind, muss man wohl davon ausgehen, dass das verfassungsgerichtlich festgelegte Limit überschritten werden könnte.
Soweit das Maß aller Dinge. Dußlingens Bürgermeister Thomas Hölsch hat, nachdem seine Gemeinde zusammen mit Kusterdingen, Kirchentellinsfurt, Gomaringen und Nehren dem Wahlkreis Reutlingen zugeschlagen worden war, bitter beklagt, dass der Landkreis Tübingen durch die Gleichmacherei »zerfleddert« werde.
Und Hölsch, der auch Vorsitzender im Kreisverband Tübingen des Gemeindetags ist, kann durchaus darauf verweisen, dass die zugeschlagenen Gemeinden für die »neuen« Landtagsvertreter geradezu an den Rand der Interessen gerutscht sind. So ist sich Hölsch zum Beispiel sicher, dass es den Gemeinden Dußlingen, Gomaringen und Nehren deswegen nicht gelang, den G 9-Zug im Landtag durchzusetzen.
Die Argumentation hat etwas für sich. Es ist sicher schwer, über Kreisgrenzen hinweg parlamentarisches Engagement zu fordern. Im Kreis Tübingen fühlten sich dann mindestens drei Abgeordnete für die Bürger zuständig, eine Betreuung, die sich sicherlich im Parlament niederschlagen würde. Ein Kreis müsste eigentlich im Landtag mit einer Stimme sprechen können. Dass es wie im Kreis Tübingen zu einer derart starken »Zerfledderung« kommen könnte, hat der Staatsgerichtshof sicher nicht vorausgesehen.
Da wäre es durchaus sinnvoll, wenn das Land einen weiteren Wahlkreis für Südwürttemberg-Hohenzollern zugestehe, wie Hölsch und auch der Grünen-Landtagsangeordnete Daniel Lede-Abal vorschlagen. Warum nicht Wahlkreis Tübingen-Nord mit Dettenhausen und Tübingen-Süden wieder mit Dußlingen, Gomaringen und Nehren? Diese, wie es heißt »große« Lösung hätte wahrscheinlich sogar zwei Jahrzehnte Bestand.