Acht Monate ist es her, als am Tübinger Busbahnhof die sogenannte Schaustelle eröffnet wurde. Sie soll denjenigen, die sie aufsuchen, alles rund um den vollständigen Umbau des Europaplatzes, des Bahnhofsbereichs, des Busbahnhofs und des Anlagenparks erklären, der immer näher rückt. Gedacht war sie als ein Ort der Diskussion. »Sie wird sich immer wieder wandeln, wenn es etwas Neues gibt«, sagte die städtische Projektleiterin Katrin Korth.
Auf ein paar angebrachten Tafeln informiert die Stadt in gendergerechter Sprache über den Planungsverlauf: die Rede ist von »zu Fuß Gehenden« und »Radfahrenden«. Obwohl die damit gemeinten gerade vielleicht etwas ganz anderes tun und irgendwo im Café sitzen oder im Uhlandbad schwimmen, mithin also kaffeetrinkende Radfahrende oder badende zu Fuß Gehende wären, was bestimmt gut funktionierte. Über »Autofahrende« ist herzlich wenig zu vernehmen, denn mit denen will man in Tübingen nichts mehr zu tun haben. Stattdessen wurde der Asphalt rund um die Schaustelle rosa angestrichen und eine »Hörstation« installiert, für die eine Künstlerin nach eigenen Angaben die »akustische DNA« der Stadt eingefangen hat. Das ist sicher sehr spannend! 

Spielerisch dürfen heute die Kleinen Mathematik und Technik erkunden, für manche Ältere gibt es Angebote, spielerisch das Arbeiten zu lernen. Auch die Verantwortlichen, die sich die Schaustelle ausgedacht haben, wollen dort dem eigenen Vernehmen nach »Baustelle spielen«. Die Info-Schilder sind in ein Ensemble aus überwiegend rot und weiß gestrichenen Balken eingebettet. Man hat sich für die klassischen Barrieren-Farben entschieden. Eine kluge Entscheidung, die psychologisches Geschick vermuten lässt. Denn die Farben der Absperrschranken und Schrankenzäune, der Baken, Bauzäune und Fahrbahnteiler, der Absperrbänder, Faltsignale und Schachtabsperrungen, der Warnzäune und Scherensperren dienen im öffentlichen Verkehrsraum als Sympathieträger schlechthin. So auch in der Universitätsstadt. Kaum ein Tübinger, der diese mehr missen will: er hat sie samt ihren Baustellen liebgewonnen und sich gleichsam auf spielerische Weise an sie gewöhnt.

Gut vorbereitet also werden die Tübinger Bürgerinnen und Bürger Zeugen des Beginns eines neuen und lang andauernden Zeitalters: des Baustellen-Quartärs. Los geht’s schon bald: im September mit der Neugestaltung des Europaplatzes Ost. Denn die Stadt meint, dass es für die Rad Fahrenden und zu Fuß Gehenden auf ihren Wegen entlang und gegenüber der Hauptpost einfach irgendwie zu eng sei. Dann wird das Bahnhofsvordach  abgerissen. Nun geht’s zügig weiter: Die Unterführung zum Anlagenpark kommt weg. Im Frühling 2020 wird die Tiefgarage hochgezogen, spielerisch mit überfahrbarem Dach, denn auch die Steinlachbrücke muss 2021 weichen. Bald darauf startet der Umbau des östlichen Anlagenparks und des Busbahnhofs.

Wenn dann voraussichtlich 2022 alles fertig ist, könnte es mehr oder weniger und quasi nahtlos mit dem Bau der Innenstadtstrecke der Regionalstadtbahn weitergehen. Dazu müsste allerdings dann erneut die Europastraße aufgerissen werden, weil die Bahn ja auf Schienen fährt. Ach ja, und die Kosten: Europaplatz rund 30 Millionen, Stadtbahn, 1. Bauabschnitt, 100 Millionen, Stadtbahn, 2. Bauabschnitt, 100 Millionen. Die Schaustelle hat sich gewandelt. Sie liegt ziemlich verlassen da, die Wiese ist ungepflegt, die rosa Farbe auf dem Boden abgeblättert. Der Ort ist derzeit unbespielt. 
In einer Zeit der groben Vereinfachungen einhergehend mit zunehmender Infantilisierung der sprachlichen Kommunikation hat die Schaustelle einen wichtigen Beitrag geleistet: Sie schafft eine Illusion, indem sie eine Realität vorgaukelt, die es gar nicht gibt.