Da hat die Bundesregierung ausnahmsweise einmal rasch reagiert. Um ein von Brüssel (genauer vom Europäischen Gerichtshof) auferlegtes Fahrverbot in den Städten zu umgehen, wollte man kurzerhand prüfen, ob man die Stickoxide nicht dadurch aus der Welt schafft, dass man den öffentlichen Nahverkehr ganz einfach kostenlos anbietet. Und es ist gelaufen, wie vieles in den zurückliegenden Jahren: Der Widerspruch, in diesem Fall der Kommunen, kam prompt und niemand wird das Argument vom Tisch wischen können, dass es im Moment schwerfällt, sich vorzustellen, woher das Geld kommen soll. 
Damit nichts in den falschen Hals gerät: Wo immer man den Kommunen helfen kann, die Luft in ihren Straßen zu verbessern, sollte man sich darum bemühen. Doch im Augenblick wird nicht nur der Eindruck erweckt, dass die Bundesregierung sich aus der Misere herauswinden will. Dann tut man ihr Unrecht, dass sie gar keine Idee hat, wie sie einschreiten kann, weil sie es einfach nicht vertreten will, den Pkw-Verkehr einzuschränken. Schließlich, so hat es den Anschein, wagt sie es nicht, die Autoindustrie zu verpflichten, einen Teil der Umrüstungskosten zu übernehmen.
Nun hat man es halt mal darauf beschränkt, dass in fünf Modellstädten, darunter auch Reutlingen, getestet werden soll, wie sich kostenloser Nahverkehr auswirkt. Doch in Reutlingen hat man schon wissen lassen, dass man nur zustimmen könne, wenn Berlin am Ende auch die Rechnung bezahlt.
Da war der Tübinger OB Boris Palmer bereits einen Schritt weiter. Er hat in einem Schreiben an sage und schreibe drei kommissionierende Minister deutlich wissen lassen, dass er, weil Tübingen eine Luftreinhalte-Kommune sei, ganz gerne in die Untersuchung miteinbezogen werden wolle.
Schließlich habe die Unistadt »etwas anzubieten, was keine andere Stadt in Deutschland derzeit vorliegen hat: ein fertiges, vom Gemeinderat intensiv diskutiertes Konzept für kostenlosen Nahverkehr. Geht es nach Palmer, dann könnten die zusätzlich zu erwartenden Kosten in Höhe von neun Millionen Euro dadurch aufgefangen werden, dass gut und gerne ein Drittel Fahrgäste mehr die Busse nützen würden, das wären dann immerhin rund 27 Millionen. Dann will die Stadt die Kapazität des Busverkehrs ausbauen. Kosten für die zusätzlichen Fahrzeuge: sechs Millionen.
Mit mehr Bussen könnten mühelos die Taktzeiten stark verkürzt werden. Palmer sagt denn auch klar, dass er sich die Finanzierung über die Erhebung einer Nahverkehrsabgabe vorstellen kann. Diese zu erheben, ist aber den Kommunen im Moment nicht gestattet. Da passte es ganz sicher, wenn Tübingen in die Korona der Modellgemeinden aufgenommen würde. Bei allem Respekt: Da in den vergangenen Jahrzehnten so gut wie kein »vernünftiger« Verkehrsminister mehr das Ruder in der Hand hatte (der letzte ist nur damit aufgefallen, dass er keinen anständigen Krawattenknoten binden konnte), steht nicht zu erwarten, dass die Bundesregierung, durch höhere Ausgaben belastet, den Gemeinden den Weg freimachte.
Was auf die Stadt zukommen könnte, hatte erst jüngst ein Ehepaar dokumentiert: Es hatte sich darüber gefreut, dass Tübingen jetzt an Samstagen kostenlosen Nahverkehr anbietet, hatte aber vorsichtshalber schon mal nachgehakt, ob man dann einen Rabatt auf die Monatskarte erhält. Es schäme sich, wer sich ewig bindet.