Also, es geht um weniger Autoverkehr und sauberere Luft. Nun ist den Deutschen das Auto so wichtig wie den Amerikanern die Schusswaffen. Obwohl oft gefährlich und gar tödlich, ist es ihr liebstes Kind.
Die Deutschen wollen sich vom Auto einfach nicht trennen. Es gibt Familien, in denen jeder ein Auto hat, Vater, Kinder und die Oma. In Tübingen gibt es ein Ehepaar mit vier Autos. Auf die Frage, ob denn eines verzichtbar wäre, folgt »Nein«. Die beiden möchten unabhängig sein, grenzenlos mobil. Mindestens zwei Autos stehen folglich stets vor dem Haus oder in der Garage. Immerhin ein Schritt in die richtige Richtung im Sinne der nicht ganz ernst gemeinten Aufforderung von Stuttgarts OB Fritz Kuhn, jeder solle doch bitteschön ein Auto kaufen und es dann nicht benutzen. 
Auch wenn E-Mobilität auf dem Vormarsch ist, der Verbrennungsmotor ist ein Klimakiller und verpestet die Luft in den Städten. Was tun? Die Bundesregierung will sauberere Luft in deutschen Städten fördern und erwägt deshalb kostenlosen Nahverkehr, um die Zahl privater Fahrzeuge zu verringern. Dagegen vertritt der Verkehrswissenschaftler Oded Cats von der Technischen Universität Delft (Niederlande) zusammen mit anderen Verkehrsexperten die Meinung, dass kostenlose Bus- und Bahnfahrten die Leute keineswegs davon abhalten, Auto zu fahren. In einem Brief an die kommissarischen Minister Hendricks, Schmidt und Altmaier bittet Tübingens OB Boris Palmer darum, Tübingen in den Kreis der Kommunen aufzunehmen, die den kostenlosen Nahverkehr testen sollen (wir berichteten). 

Palmer gibt an, rund neun Millionen Euro Fahrgeldeinnahmen müssten ersetzt werden und rechnet mit sieben Millionen zusätzlichen Fahrgästen. Dieses Kalkül ist hochspekulativ und geradezu abenteuerlich. So hat Oded Cats ermittelt, dass Personal und Automaten drei bis fünf Prozent der Betriebskosten von Verkehrsbetrieben ausmachten. Hinzu kommen noch Kosten für den Verkauf, die Abrechnungs- und Buchhaltungssysteme und Sonstiges. Posten, die Palmer gar nicht erst in Erwägung zieht. Und: Wer kann für die mutmaßlich zusätzlichen Fahrgäste garantieren? Was geschieht, wenn das Fördergeld nicht reicht? Wird dann nachgebessert, oder bezahlen die Bürger? Womöglich noch auf die bis dahin rechtlich abgesegnete Nahverkehrsabgabe obendrauf. Und schließlich stammen die Finanzmittel des Bundes für den kostenlosen Nahverkehr doch sowieso aus Steuergeldern. Die Bürger zahlen also dreimal die Zeche. Kinderreiche Familien, Alleinerziehende, Arme sowie Hartz-IV-Empfänger trifft es wie immer besonders hart. Das wäre Abzocke. Warum also keine City-Maut in Tübingen? 
Der kostenlose Nahverkehr ist zu teuer und auf Dauer nicht finanzierbar. Langfristig wird es weniger Autos geben, dazu braucht es technische Innovationen und mobile Alternativen. Auch Wirtschaft und Arbeitsmarkt werden sich darauf einstellen. Das erfordert Zeit. Die City-Maut ist transparent, gerecht und belastet den Autofahrer, der selbst entscheidet. Ausnahmeregelungen für Gewerbetreibende, Zulieferer und Dienste inbegriffen. Mit ihrer Einführung sind vor allem realistische praktische Ziele verbunden: höhere Lebensqualität durch weniger Verkehrsaufkommen, Verbesserung der Luftqualität, Verringerung des Verkehrslärms sowie zusätzliche Einnahmen für Kommunen. Diese könnten wiederum als Nahverkehrsabgabe in die Verbesserung des öffentlichen Nahverkehrs investiert werden. Die Maut ist in zahlreichen europäischen (Groß)-Städten erfolgreich, unter anderem in London. Dort ist in den ersten sechs Monaten nach Inkrafttreten der Verkehr innerhalb der Zone um etwa 15 Prozent zurückgegangen, wobei sich 50 bis 60 Prozent der unterlassenen Individual-Fahrten auf den öffentlichen Personennahverkehr verlagert haben und hier weitere Einnahmen bescherten. Das ist nicht schlecht. Die City-Maut ist bei den Bürgern bislang leider nicht populär. Die politischen Vorbehalte gegenüber der City-Maut haben ihren Grund in der Angst der Politiker, nicht wiedergewählt zu werden.