Tübingen will sich um die Landesgartenschau bewerben – und sie Anfang der 2030er-Jahre austragen. Der Zeitplan ist eng: bis Ende dieses Jahres muss die Bewerbung abgeschickt sein. Bei zwei »Bürgerwerkstätten« im Mai und Juli können Ideen eingebracht, im September soll das Konzept vorgestellt werden. Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer hatte die Landesgartenschau schon im OB-Wahlkampfjahr 2014 versprochen. Bei der Informationsveranstaltung zum Auftakt machte sich der OB jetzt einmal mehr dafür stark. In Tübingen, vor allem in den südlichen Stadtteilen, sind in den vergangenen Jahren hochverdichtet Wohnareale entstanden, weitere sollen hinzukommen. Deshalb brauche es attraktive Grünflächen in fußläufiger Nähe, so Palmer. »Wie können Grünflächen zu Parks werden?«, fragte er. »Durch eine Landesgartenschau«, antwortete er.

Welche Städte den Zuschlag für die Landesgartenschau bekommen, entscheidet das baden-württembergische Landwirtschaftsministerium. Dort bewerben sie sich auch. Sie müssen unter anderem erklären, welche städtebaulichen und landschaftsplanerischen Ziele sie verfolgen. Tübingen dürfte es schwerfallen, sein Begehr plausibel und sinnhaft zu begründen. Denn schaut man sich an, wo der botanische Besucherevent stattfinden soll, welche Flächen und Orte einbezogen sein sollen, so lässt sich die Notwendigkeit deren Verschönerung, gar städtebaulicher Aufwertung nicht erschließen: Anlagenpark, Festplatz Weilheimer Wiesen und das Gebiet Saiben bieten Natur und Grün in Fülle, ebenso wie Lichtenberger Höhe, Bismarckturm, Schloss und alter Botanischer Garten. Außerhalb des angedachten Gartenschau-Areals finden sich reizvolle Tallandschaften entlang des Neckars, der Ammer und der Steinlach. Für die Landesgartenschau bekäme die Stadt fünf Millionen Euro vom Land. Ungefähr den gleichen Betrag müsste sie draufsatteln. Ob das ausreicht?

Gartenschauen sind nicht selten defizitäre Veranstaltungen. Sie entpuppen sich als ein Lotteriespiel mit Steuergeldern. Dabei sind »Gewinne« so rar wie bei echten Lotterien. Die bundesweite Hitparade allein der größten Landesgartenschau-Nieten ist beeindruckend. Zahlreiche dieser Veranstaltungen fuhren auch in Baden-Württemberg Defizite in Millionenhöhe ein, darunter in Ostfildern, Neu-Ulm und Böblingen. Die Landesgartenschau kommt 2026 nach Ellwangen. Der Landesregierung wurde vorgeworfen, diese dorthin vergeben zu haben, weil die Stadt durch die Übernahme der Landeserstaufnahmestelle (LEA) enorme Belastungen trage. Gleichzeitig soll die Landesregierung insbesondere der zuständige Minister die Vergabe an den Verbleib der LEA in der Kommune geknüpft haben. Derartige Kompensationsgeschäfte werfen kein gutes Licht auf einzelne Vertreter in der Politik, schon gar nicht auf öffentlich geförderte Projekte. 

Vielerorts gab und gibt es Bürgerproteste gegen Gartenschauen. Manche Argumente der Gegner treffen auch auf Tübingen zu. So sind mit dem Projekt massive Eingriffe in die Natur verbunden, eine weitgehend naturbelassene Landschaft wird in eine von Architekten geplante Gartenbau-Landschaft umgewandelt. Zudem verursachen Hunderttausende Besucher Lärm, Müll und Verkehrsprobleme. Und noch einmal: Die Bezahlbarkeit der Landesgartenschau ist fraglich, die Unistadt hat genügend andere Baustellen. In einigen Fällen waren es zudem undurchsichtige Strukturen, wodurch sich so mancher eine »goldene Nase« verdienen konnte. Will man eine Stadt begrünen, beginnt man nicht da, wo sie schon grün und am Schönsten ist, sondern dort, wo sie grau und unattraktiv ist. Auch in Tübingen gibt es einige öde Ecken, die einer dringenden Verschönerung bedürfen. Hier sollte man Bäume pflanzen und Blumenbeete anlegen. Für wenig Geld. Das fände Zustimmung bei vielen Bürgern. Die Entscheidung über den möglichen Zuschlag der Landesgartenschau an Tübingen wird im nächsten Sommer getroffen. Man darf gespannt sein, wie es bis dahin weitergeht.