Die Stadt Tübingen will sich um eine Landesgartenschau im Zeitraum zwischen 2031 und 2036 bewerben. Dies hat der Planungsausschuss des Tübinger Gemeinderats in der vergangenen Woche mehrheitlich beschlossen. Dabei war viel vom »ökologischen Mehrwert« und von »Nachhaltigkeit« die Rede. 
Bürgerinnen und Bürger konnten in den vergangenen Monaten ihre Ideen in mehreren Planungswerkstätten und Informationsveranstaltungen einbringen. Über das endgültige Bewerbungskonzept entscheidet der Gemeinderat am 14. November. Der Abgabeschluss für die Bewerbung beim Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg ist im Dezember 2019.

Als Kerngebiet für die Landesgartenschau ist das westliche Neckartal mit den anschließenden Gebieten Weilheimer Wiesen, Saiben, Schelmen und Ortsrand Derendingen vorgesehen. Ergänzt wird der Planungsraum durch den Bereich Schlossberg und Lichtenberger Höhe. Zudem soll es Verbindungen zur Altstadt und zum Alten Botanischen Garten sowie zum Anlagenpark und Bahnhof am Europaplatz geben. Das Konzept ist nahezu autofrei.
Allerdings lässt sich die Notwendigkeit der Verschönerung, gar Aufwertung, dieser für die Landesgartenschau ins Auge gefassten städtischen Areale nicht erschließen. Anlagenpark, Festplatz Weilheimer Wiesen und das Gebiet Saiben bieten Natur und Grün in Fülle, ebenso wie Lichtenberger Höhe, Bismarckturm, Schloss und alter Botanischer Garten. Außerhalb des angedachten Gartenschau-Areals finden sich reizvolle Tallandschaften entlang des Neckars, der Ammer und der Steinlach.
Welche Vorteile hätte Tübingen von einer Landesgartenschau? »Neben der Entwicklung von innovativen Wohn- und Gewerbegebieten mit besonderem Landschaftsbezug könnte das übergeordnete Ziel einer Landesgartenschau in Tübingen die Verzahnung und Vernetzung von bislang stark getrennten Stadt- und Landschaftsräumen sein. Hinzu kommt die gesamtheitliche Betrachtung von anstehenden Einzelprojekten. Attraktive Fuß- und Radwegeverbindungen könnten einen dauerhaften Mehrwert darstellen«, argumentiert die Stadtverwaltung. 

Das klingt schön, verschwiegen wird dabei allerdings, dass die Gartenschau konkret rund zwei Dutzend teils hochkomplexer Einzelprojekte vorsieht: von einer Aussichtsterrasse auf den Neckar über die Verlagerung des Messe- und Festplatzes bis zur Umgestaltung des Alten Bahnbetriebswerks. 
Bei einer Gartenschau wird stark in den Naturhaushalt der betroffenen Fläche eingegriffen, Sträucher und Wildstauden gerodet, der Boden bewegt, Tiere verlieren ihren Lebensraum.
Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) ist der Meinung: »Kritisch zu sehen sind alle Baumfällungen aus rein gestalterischen Gründen, insbesondere auch planerische Dogmen wie das Primat von Sichtachsen … Durch die schweren Baumaschinen wird der Boden stark verdichtet, bis in den Unterboden hinein … Das ursprüngliche Gefüge, die Bodenstruktur, kann nicht wiederhergestellt werden. Man sollte annehmen, dass bei einer Gartenschau, die doch der Verbesserung des städtischen Grüns dient, Ausgleichsmaßnahmen nicht erforderlich sind. 
Doch warum wird in Tübingen keine nennenswerte Kritik laut? Wegen der bei Gartenschauen zunehmend massiveren Eingriffe in die Landschaft, die bis in die siebziger Jahre kaum auf Widerstand stießen, hat es anderenorts lauten Protest gegeben. Denn wenn Kettensägen und Planierraupen zum Einsatz kommen und wenn die Landschaftsgärtner natürlich gewachsene oder landwirtschaftlich genutzte Flächen roden lassen, hört der Spaß für viele grün bewegte Zeitgenossen ganz auf. 
Doch es sind auch die Kosten, die nicht nur die Rechnungshöfe monieren. Gartenschauen neigen zum Floppen. 2017 kamen zur Internationalen Gartenschau in Berlin 400 000 Besucher weniger als vorgesehen. 
Auch die Landesgartenschau im hessischen Bad Schwalbach 2018 war ein glatter Besucher-Misserfolg. Gartenschauen fuhren auch in Baden-Württemberg Defizite in Millionenhöhe ein, darunter in Ostfildern, Neu-Ulm und Böblingen. Man beachte: Hier geht es um Steuergelder. Den Angaben der Verwaltungsvorlage würde die Landesgartenschau in Tübingen mindestens 45 Millionen Euro kosten, davon würden 35 Millionen Euro investiert, 10 Millionen Euro flössen in die Veranstaltung. Fünf Millionen Euro würde das Land an Fördermitteln zuschießen.
Ein ökologischer Mehrwert und sozialer Nutzen von Gartenschauen ist nur dann noch zu vertreten, wenn die Landschaftsgestaltung mit minimalen Eingriffen einhergeht. 
Lieber das Vorhandene neu entdecken und sinnvolle Einzelprojekte wie den geplanten realisieren. Vielleicht überlegt sich der Gemeinderat das ja mal.