Jetzt wird’s Ernst. Noch Ende Juli 2014 hatten sich Initiatoren zusammengefunden, um der Tübinger Altstadt nach der Auflösung des Netto-Markts einen Genossenschaftsladen zu bescheren. Jetzt können die 300 Genossen, die Anteile für den Markt im Erdgeschoss des »Löwen« gezeichnet haben, damit rechnen, dass die Räume, in denen künftig Lebensmittel verkauft werden sollen, den Vorstellungen entsprechend umgebaut werden.

Die Pächterin des Bekleidungsgeschäfts in den Räumen ebendort hat sich längst auf die neue Lage eingestellt und wissen lassen, dass sie nur noch bis Ende des Monats vor Ort sein wird.
Ihr kann es dann eigentlich egal sein, wie es an dem Platz weitergehen wird. Denn die Initiative betreibt bei allem Idealismus ein Vabanque-Spiel. Selbst wenn wie erwartet bis Ostern die Zahl der Förderer auf 500 angestiegen und das Kapital auf fast 100 000 Euro gewachsen sein wird, müssen die Genossen sparsam mit dem Geld umgehen. Sie pachten die Räumlichkeiten für acht Euro pro Quadratmeter, vorerst zumindest.

Denn der Eigentümer des Hauses, die städtische GWG, hat bereits angekündigt, dass sie die Immobilie in zwei Phasen sanieren will. In einem ersten Schritt sollen dies die Ladenräume im Erdgeschoss sein, in fünf Jahren käme dann der »Rest« des Hauses dran. Bis zu diesem Zeitpunkt muss der Laden so gut laufen, dass die dann fällige Mieterhöhung verkraftet werden kann. Subventionen von seiten der Stadt sind nicht zu erwarten, das haben sich Vertreter der CDU schon zusichern lassen. Diese haben schon in Leserbriefen vor einem Abenteuer gewarnt, für die die Kommune dann geradestehen müsste (und andere Wettbewerber benachteiligt würden).

Und was würde der Laden bieten? Frische Ware aus regionaler Produktion, Kühlware und unter Umständen auch noch Dinge des täglichen Bedarfs, die mittels Fragebögen eruiert werden sollen.
Drei fest angestellte Mitarbeiter gehören zum Team, darüber hinaus wirbt die Genossenschaft um Ehrenamtliche, die den Betrieb mit am Laufen halten. Die Öffnungszeiten sind ganz ehrgeizig gehalten: So wird allen Ernstes überlegt, ob man nicht auch am Wochenende öffnen soll – in der Fußgängerzone der Altstadt wäre das möglich, schließlich ist Tübingen ja ein Tourismuszentrum. Die Planer haben sich darüber hinaus überlegt, ob sie abends nicht bis 22 Uhr geöffnet haben, was aber angesichts der Belastung der Ehrenamtlichen etwas zu optimistisch klingt. 

Noch gar nichts zu sagen ist zu den Preisen, die der Laden von seinen Kunden fordert. Diese werden, da verrät man nichts Neues, einiges über denen des früheren Netto-Marktes liegen. Und das könnte am Ende den Nerv treffen. Ein vergleichbares Beispiel, ein Genossenschaftsmarkt auf dem Herrlesberg in Lustnau hatte bei seinem ersten Anlauf erhebliche finanzielle Probleme bereitet und scheint jetzt einigermaßen im Lot zu sein.

Wenn Mitglieder des Organisationsteams jetzt noch viel Optimismus ausstrahlen, dann sollte man nicht durch Zweifel den Impetus bremsen. »Wir haben etwas Tolles vor«, heißt es da vielstimmig, »aber es braucht noch viel Arbeit«. Fraglich ist allerdings, ob der Mut auch belohnt wird, denn ab 1. Juli sind die Kunden gefragt, sie müssen die Initiative belohnen und für entsprechend Umsatz sorgen. Wieviel mehr wert ihnen dann der neue Laden mit den höheren Preisen sein wird, wird spätestens zum Jahresende offensichtlich sein.