Da hat sich der Palmer aber ganz schön verrechnet. Obwohl oder weil sich der Tübinger OB, zuletzt sogar in Leserbriefen, für die Auflassung des Wasserschutzgebietes Au-Brunnen starkgemacht haben, fand sich am Ende doch eine knappe Mehrheit, die das neue Gewerbegebiet nicht wollte, dafür aber einen Ersatz im südlichen Stadtteil Derendingen. Knapp 54 Prozent der rund 2 000 abgegebenen Stimmen wollen das Wasserschutzgebiet erhalten. 
Zunächst muss man den Tübinger Bürgern Lob aussprechen, denn von den 5 000 zufällig ausgewählten Unistädtern haben immerhin knapp 2 000 ihre Fragebogen zurückgeschickt. Eine Rücklaufquote von 2035 Bögen ist immerhin schon deswegen beachtlich, weil es sich nur um eine Bürgerbefragung gehandelt hatte, die ausloten sollte, wie der Gemeinderat sich in Zukunft zu dem streitigen Thema verhalten sollte. Klar, dass es im Vorfeld Stimmen gab, die den Gemeinderat dafür kritisierten, dass es eigentlich seine Sache gewesen wäre, darüber zu befinden, wo die Stadt künftig neue Gewerbegebiete ausweisen soll. Vielleicht hatte sich Boris Palmer auch ausgerechnet, dass er auf diese Weise vielleicht schon eher das Wasserschutzgebiet auf einen Notbrunnen entwerten könnte. Palmer hatte sich auch die Mühe gegeben, bei einer Demonstration in der Eisenbahnstraße persönlich für sein Projekt zu werben. Ein Feigling ist er weiß Gott nicht. Und so ist es zwangsläufig, dass er nach der Abstimmung ganz deutlich zum Ausdruck brachte: »Es ist jetzt klug, sich dieser Auffassung anzuschließen.«
Das werden auch die Fraktionen im Gemeinderat tun.
Während es für AL/Grüne keineswegs eines Schwenks bedurfte, genauso wie für die Tübinger Liste und die FDP, tat sich die CDU schon etwas schwerer, weil für die, wie es hieß, die Au die bessere Lösung gewesen wäre. Nun werden die Christdemokraten wie auch die SPD sich dem Votum der Bürgerschaft beugen – man hat ja gelernt, wie Initiativen einem das Leben schwer machen können. Freilich hat die SPD auch erwähnt, dass die knapp 54 Prozent für die Erhaltung des Au-Brunnens jetzt nicht die Welt sind, man sich den eigenen Argumenten nicht schämen müsste. Dieser Haltung schließt sich auch die Linke an: Aus Respekt vor der knappen Mehrheit wird die Fraktion nach eigenem Bekunden keinen Antrag zur Bebauung des Au-Brunnens stellen.
Auch der OB versucht nun, aus der Abstimmung einen positiven Aspekt zu gewinnen: Wenn man, so postuliert er, das Wasserschutzgebiet aufgegeben hätte, dann würden sich viele (wohl) von dem Gemeinderat abwenden, weil dieser ihre »Herzensangelegenheiten« nicht berücksichtigt habe. So viel Mitgefühl für seine Untertanen hätte man von diesem OB so eigentlich nicht erwarten können.
Ins Schwarze getroffen hatte übrigens der Fraktionsführer der Tübinger Liste, Ernst Gumrich, der so zitiert wird: »Ich hoffe, unsere Enkel werden nie herausfinden müssen, wer Recht hatte.«