Tübingen ist nicht besonders früh dran und hat sich ziemlich schwergetan mit den Stolpersteinen. Erst im September 2017 hatte der städtische Kulturausschuss der Initiative um Günter Häflinger nachgegeben und die Verlegung der bronzenen Kleindenkmale auch in der Tübinger Altstadt zugelassen.

Nun wird der Kölner Künstler Gunter Demnig - er hat als Erfinder das Monopol auf die Stolpersteine und verlegt sie nur selber - am 10. Juli 29 dieser Steine zum Gedenken an vertriebene, ermordete (und nebenbei auch ihres Eigentums beraubte) Tübinger Juden in das Pflaster vor ihren letzten frei gewählten und bekannten Wohnstätten einlassen.
Tübingen hat längst eine sehr aktive und lebendige Erinnerungskultur an die nationalsozialistischen Verbrechen. Es hat auch allen Grund dafür: Die Stadt und vor allem die Universität waren geradezu ein Nest des nationalsozialistischen Ungeists. Eine große Zahl von Tübingern und Tübinger Studenten standen in der allerersten Reihe der Massenmörder:

Oberbürgermeister Ernst Weinmann (»Henker von Belgrad«) und sein Bruder Erwin Weinmann, Paul Zapp, Rudolf Bilfinger, Erich Ehrlinger, Albert Rapp, Wilhelm Harster, Martin Sandberger, Walter Stahlecker und Eugen Steimle befehligten Erschießungskommandos (»Einsatzgruppen«) und planten teilweise im Reichssicherheitshauptamt (RSHA) die Deportation und Ermordung der Juden in den Vernichtungslagern im Detail mit.
Manche dieser Mörder starben noch im Krieg wie der besonders fanatische und bestialische Walter Stahlecker oder brachten sich um wie der Eichmann-Helfer Theodor Dannecker. Ein paar wurden hingerichtet, einige verurteilt, manche erst spät, viele schnell wieder begnadigt.

Wilhelm Harster, 1934 kurzzeitig Tübinger Polizeipräsident, gehört dazu. Auch Eugen Steimle, den wie Martin Sandberger nach dem Krieg Fürsprecher aus der »schwäbischen Ehrbarkeit (unter anderem Theodor Heuss) schützten. Steimle unterrichtete bis 1975 in einem evangelischen Internat im oberschwäbischen Wilhelmsdorf Deutsch und Geschichte. Er starb 1987. Rudolf Bilfinger wurde als Oberverwaltungsgerichtsrat pensioniert. Erich Ehrlinger, VW-Repräsentant, lebte bis 2004. Martin Sandberger starb erst 2010, ebenso hochbetagt und unbehelligt - in einem Stuttgarter Seniorenstift. 

Oder sie blieben ganz ungeschoren wie der langjährige Tübinger Kripochef Alois Gabrysch, der in Slowenien den Beinamen »Schlächter von Maribor« bekam. Auch der Nachkriegs-OB Hans Gmelin gehört als Schreibtischtäter in die Reihe. Dem Psychiater und Rassenhygieniker Robert Gaupp oder dem Philosophen Theodor Haering, auch dem eher harmlosen OB Adolf Scheef wurden - ganz spät erst und posthum - ihre Tübinger Würden entzogen.

Verdrängung der Untaten und der finsteren Geschichte gab es also wohl - und zuhauf. Und sicher gibt es Leute, die an die Menschheitsverbrechen nicht durch »Denkmäler der Schande« erinnert werden wollen. Der zähe Tübinger Widerstand gegen die Stolpersteine hat aber auch ehrbare Gründe. Denn niemand anderes als Charlotte Knobloch, die hoch angesehene frühere Vorsitzende des Zentralrats der Juden, ist eine vehemente Gegnerin der Stolpersteine - wie eine ganze Reihe von Juden und Holocaust-Nachfahren. Man dürfe diese Namen nicht, wortwörtlich, mir Füßen treten, sagt sie schlicht. Das Argument ist zu respektieren. Man muss es aber - wie es viele andere Juden tun - in der Abwägung nicht richtig finden.

Man muss auch Gunter Demnigs Künstlereitelkeit und sein eifersüchtig verteidigtes Monopol auf diese - seine - europaweiten Kleindenkmäler nicht so besonders nett finden. Er ist übrigens - um antisemitischem Geraune vorzubeugen - kein Jude. Aber dass zur Verlegung der Steine jüdische Nachfahren aus Frankreich, Israel, England und Amerika als Gäste der Erinnerung nach Tübingen kommen, ist schön. Dafür darf die Stadt dankbar sein.