Die eine Meldung hat vor einigen Tagen bundesweites Aufsehen erregt und ging durch zahlreiche Medien: In Tübingen fuhr eine 75-Jährige mit ihrem Auto bei Rot über die Ampel und verletzte vier Kinder im Alter zwischen sieben und 14 Jahren schwer. Einen Tag vorher übersah ein 21-jähriger Autofahrer in der Nähe des Tübinger Freibads beim Abbiegen einen 75-Jährigen, der auf seinem Fahrrad unterwegs war. Dieser stürzte und wurde von einem Rettungswagen in eine Klinik gebracht. Die Öffentlichkeit zeigte kein Interesse. Wiederum große mediale Aufmerksamkeit: Wenige Tage zuvor hatte eine 75-Jährige im Kreis Reutlingen einen Frontalzusammenstoß verursacht, bei dem mehrere Menschen teils schwer verletzt wurden.

Zwei Meldungen sorgen dafür, dass jetzt wieder einmal öffentlich diskutiert wird, Senioren ein Fahrverbot aufzuerlegen oder die Fahrerlaubnis zu entziehen, was übrigens nicht dasselbe ist. Wenn ein Verkehrsunfall von einem Jugendlichen herbeigeführt wurde, wird das offensichtlich als normal angesehen.
Der Unfallstatistik des Statistischen Bundesamts zufolge wurden im Jahr 2015 rund 210 000 Verkehrsunfälle mit Personenschaden von Autofahrern verursacht. Jeder fünfte Pkw-Fahrer, der einen Unfall verschuldet hatte, war jedoch zwischen 18 und 24 Jahren alt. Lediglich jeder dreizehnte Unfallverursacher zählte zur Kategorie der Senioren. Allerdings: Mit einem Alter von über 75 Jahren ist das Unfallrisiko laut Statistik doppelt so hoch, wie bei der Altersgruppe der 30- bis 60-Jährigen.
Die Folgen eines Unfalls sind für alle Beteiligten oft schlimm, unabhängig davon, wie alt diese sind. Die körperlichen aber auch seelischen Verletzungen können ein ganzes Leben zerstören. Und: Die Zahl der Verkehrstoten steigt derzeit wieder an.
Doch in Zeiten des rasant zunehmenden Verkehrs und wachsender Ansprüche an die Mobilität lassen sich deren negative Auswirkungen allenfalls minimieren, nicht aber verhindern. Viele jüngere Menschen sind aus beruflichen Gründen auf das Auto angewiesen, für die Älteren bedeutet es ein Stück individuelle Freiheit und Unabhängigkeit. Nach geltendem Recht kann ein älterer Fahrer nur durch einen entsprechend definierten Verkehrsverstoß seine Fahrerlaubnis verlieren, genauso wie alle anderen Altersgruppen auch. Generelle Fahrverbote oder Führerscheinabnahmen bei Senioren werden die Zahlen der Unfallstatistiken wohl kaum verändern.
Die Europäische Union sieht Senioren als latente Gefahrenquelle für den Verkehr und fordert in einer Richtlinie die Mitgliedsstaaten auf, die Fahrtauglichkeit von Autofahrern, die älter als 50 sind, zu prüfen. In vielen Ländern ist das bereits umgesetzt. So müssen etwa ältere Schweizer, Italiener, Spanier, Griechen, Briten, Finnen, Dänen, Tschechen, Neuseeländer und Kanadier regelmäßig zum Gesundheits- oder Sehtest. In einigen Staaten kann schon der Arzt einen Tauglichkeitstest veranlassen, wer durchfällt, ist seinen Führerschein los. In Deutschland wollen aber weder die Bundesregierung noch die Autoclubs unsichere Rentner zwingen, aufzuhören. Stattdessen appellieren sie an deren Eigenverantwortung. Das ist gut so. Doch die Senioren müssen auch verantwortlich handeln. Gesundheits- und Fitness-Checks für Ältere bieten unter anderem Prüfgesellschaften und Automobilclubs an. Es beraten zudem Fahrschulen sowie Hausärzte. 
Senioren, die ihren Führerschein freiwillig abgeben, gebührt Anerkennung. Manche Kommunen fördern die Abgabe mit einem Anreiz und bieten als »Ausgleich« für den Führerschein ein kostenloses Nahverkehrsticket. In der Stadt Neumünster gibt es das mit steigender Nachfrage schon seit einigen Jahren. Vielleicht auch ein Modell für Tübingen - und hier für alle Altersgruppen?