Nein, das hätte sich Boris Palmer nicht antun müssen. Vielleicht war der Druck aus dem Verkehrsministerium in Stuttgart so groß, dass der Tübinger OB vorvergangene Woche sozusagen »par ordre du mufti« angeordnet hatte, die Tübinger Neckarbrücke und die Mühlstraße, eine der wichtigen Verkehrsadern der Stadt, für zwei Monate für den Individualverkehr zu sperren. Grund genug hatte er seiner Meinung nach: Die Fraktion von AL/Grüne hatte einen entsprechenden Vorstoß gewagt und das war für Palmer ausreichend. Zumal er, wie er zu seiner Genugtuung feststellte, dazu rechtlich durchaus in der Lage war. 

Palmer hatte mit dem Antrag von AL/Grünen vor  Augen, den Radverkehr durch den Ausbau der Wege zu fördern. Und die Verbindung zwischen Südstadt und Universität über Neckarbrücke und Mühlstraße ist für ihn die wichtigste Radachse in Tübingen. An Spitzentagen seien es bis zu 10 000 Zweiräder, die den Weg nach Norden nähmen. Von Mitte September bis Mitte November will Palmer nun testen, welche Auswirkungen die Sperrung der Straße hat. In der Probephase, so der Leitgedanke, werde die bisherige Werteentscheidung (hie Auto, hie Rat) einfach einmal umgekehrt. 

Soweit einmal Palmer. Wie nicht anders zu erwarten, brach ein Sturm der Entrüstung los. Die SPD monierte, dass Palmer den Gemeinderat hätte in Kenntnis setzen müssen, die Tübinger Liste sprach von »grober Missachtung des Gemeinderats und der Bürgerschaft«, für die CDU geht Palmers Schritt »überhaupt nicht«. Am deutlichsten ließ sich Dietmar Schöning vernehmen: »Es ist ein Skandal, wenn die Verwaltung das ohne Rückkopplung mit dem Gemeinderat umsetzt.« Damit nicht genug der Palmerschen Selbstherrlichkeit. Der Kritik der Fraktionen begegnete er mit der Bemerkung, dass »es im Gemeinderat immer gerne gesehen wird, wenn die Verwaltung einem Antrag zusagt«. Der Antrag von AL/Grünen sei vor zwei Wochen eingegangen, eine interne Wertung habe ergeben, dass die Verwaltung darüber selbst entscheiden dürfe. 

Markus Vogt, ohnehin ein Freischwebender, bezeichnete Palmer als »klassischen Ökostalinisten, was aber in diesen Zeiten sehr hilfreich ist«. Palmer selber versuchte sich damit zu rechtfertigen, dass Beteiligung zu langen Diskussionen und Zeitverlust« führe – das muss man sich einmal vorstellen, wie weit Palmer schon abgesunken ist. Das grenzt schon fast an Selbstherrlichkeit. Klimaschutz brauche eben Eile, das sei allgemein anerkannt, so versucht der OB sich zu retten, und er führt auch noch ins Feld, dass sein Vorvorgänger Eugen Schmid 1993 Ähnliches verordnet habe. Palmer, der trotz Facebook wieder einmal einen Leserbrief schrieb, hatte allerdings unterschlagen, dass Schmid seinerzeit die Sperrung der Neckarbrücke nur für die Zeit der Sanierung angeordnet hatte. Keine Rolle spielte für den aktuellen OB, dass durch die Sperrung von Brücke und Mühlstraße der Schadstoffausstoß auf den Umleitungsstrecken wesentlich größer sein wird.