Diese Geschichte machte die Runde – von Australien bis zum Nordkap: Weil der Funkkontakt zu einer koreanischen Boeing 777 mit über 200 Menschen an Bord abgebrochen war, stiegen Mitte Juli zwei Abfangjäger der Bundeswehr auf, durchbrachen effektvoll die Schallmauer – und geleiteten den Jet zum Stuttgarter Flughafen. Von wem hat’s die Welt erfahren? Von der Polizei in Reutlingen. Der Filder-Airport gehört zum Landkreis Esslingen; und selbiger zum Polizeipräsidium in der Achalmstadt. Spätestens da erfuhren bislang an Behördenstrukturen uninteressierte Zeitgenossen von der ersten Fusion dieser Art – 2014 unter Grün-Rot. Nun beschloss die Nachfolgeregierung Grün-Schwarz, dass Reutlingen ab 2020 auch den Zollernalbkreis eingemeindet haben wird – jedenfalls polizeiorganisatorisch. Und was ändert sich dann für die Menschen im Land, respektive denen, die etwa zwischen Aichwald im Norden und dem rund 120 Kilometer entfernten Nusplingen im Süden leben? Eigentlich gar nichts, sagt die Landesregierung. Und überhaupt werde es bis in drei Jahren auch – unabhängig von dieser Neuordnung - 1500 zusätzliche Stellen bei der Polizei geben. »Eine optimale Versorgung und Funktionalität durch kurze Wege und sinnvolle Zuschnitte« wollte ein Expertengremium im Vorfeld haben, das diese Reform kritisiert. Diese Leute haben mit Absicht nicht ans Geld gedacht. Allein die Sicherheit der Bevölkerung und perfekte Abläufe hätten im Vordergrund zu stehen, so deren Denke.

Ein Kompromiss sei’s geworden, »der der inneren Sicherheit ebenso gerecht wird, wie haushaltspolitischen Erwägungen«, ließ Grünen-Fraktionschef Andreas Schwarz wissen. »Reines Finanzgeschacher« - und »wie auf einem orientalischen Basar«, maulte die Opposition. Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) will jedenfalls in einer Sache keine Kompromisse eingehen: Das Wichtigste sei, »dass die Polizei weiterhin schnell dort ist, wo sie gebraucht wird.«

Und die Wünsche der Bevölkerung? Fest steht, dass die schon vor Jahren aufgegebenen Polizeiposten, die selbst in kleinen Dörfern eine Anlaufstelle hatten, nicht wiederkommen. Die Schaffung von bis zu 100 neuen Stabsstellen indes, bei nun 13 statt 12 Polizei-Präsidien, wird nicht billig. Aber weil die CDU ihre Forderung nach sogar einem 14. Präsidium nicht durchsetzen konnte, wird die Polizeireform so für die Steuerzahler rund 160 Millionen Euro günstiger.
Kommunalpolitiker wie Landtagsabgeordnete freuen sich naturgemäß immer, wenn Behörden in ihrer Raumschaft prosperieren. So frohlockte Reutlingens Oberbürgermeisterin Barbara Bosch, es sei »im Interesse unserer Stadt«, dass die hiesige Polizeidirektion »von der Umstrukturierung profitiert und sein Zuständigkeitsgebiet erweitert.« 
Freuen kann sich die Reutlinger Polizei über ihren elf Millionen Euro teuren Neubau in der Bismarckstraße, dort, wo so wichtige Einrichtungen wie das Führungs- und Lagezentrum mehr Platz haben werden. Ob Krisenstäbe oder Notrufzentrale: All das ist nun an zentraler Stelle – unweit des Hauptquartiers in der Burgstraße. 
Die neue Zuständigkeit umfasst ab 2020 eine Fläche von 3 170 Quadratkilometern, doppelt so groß wie Berlin und Hamburg zusammen. Dort zu betreuen sind rund 1,25 Millionen Menschen. Von denen haben Politiker in Balingen aber schon Bedenken angemeldet. Da die Kriminalpolizei weiter in Esslingen angesiedelt ist, sei das doch für die ein weiter Weg bis auf die Zollernalb, hieß es.
Ganz so ist das nicht: Natürlich werden etwa Mobile Einsatzkommandos bei schwerer Kriminalität auch künftig schnell vor Ort sein. Allerdings haben auf Sparsamkeit bedachte Beobachter schon recht, wenn sie – bedingt durch neue organisatorische Schwerpunkte in einzelnen Städten – die Kosten für solch ein »Büro, wechsle Dich« ins Feld führen. Und einigen Polizeibeamten wird sicher auch ein Wohnortwechsel zugemutet. Aber auch das gehört schließlich zu eine Reform, bei der über allem die Sicherheit der Bürger im Mittelpunkt stehen muss. Denn für die ist die Polizei ja da.