Das ist ja gerade noch mal gut gegangen. Der Tübinger Gemeinderat hat mit seiner Eilentscheidung nicht nur das schmucke alte Verbindungshaus Wielandshöhe vor einem drohenden Abriss gerettet. Die beschlossene Erhaltungssatzung beschützt nun das gesamte charakteristische Ensemble am vorderenÖsterberg. Erstaunlich, dass diese für das Stadtbild, die Tübinger Skyline von Süden her so prägende Reihe von schönen studentischen Schlösschen nicht schon längst vor dem Zugriff von Spekulanten gesichert war. Wobei das Schlimme weniger der Abbruch der stattlichen Villa gewesen wäre, die sich die evangelische Theologen-Verbindung »Luginsland« anno 1902 im historisierenden Jugendstil hatte errichten lassen. Die eigentliche Bausünde wäre ein Neubau mit lauter Luxuswohnungen gewesen, wie ihn ein sogenannter Bauträger stattdessen dort errichten wollte. Selbst bei guter Architektur hätten nicht nur manche alte Tübinger wohl schlagartig Augenkrebs davon bekommen. Die seltsame Rolle, die als Besitzerin die Evangelische Diakonieschwesternschaft Herrenberg-Korntal bei dem geplanten Verkauf spielte, ist eine unschöne Geschichte für sich. Die Vorläuferorganisation der frommen Schwestern hatte das prächtige Haus im Jahr 1937 von der klammen Verbindung erworben.

»Luginsland« war - wie alle studentischen Verbindungen - von den Nationalsozialisten aufgelöst und zu einer sogenannten Kameradschaft im NS-Studentenbund gleichgeschaltet worden. So schnäppchenhaft günstig der Kauf damals war, so sehr achteten 80 Jahre später die modernen Diakonissen - natürlich nur im allerbesten Sinne des Dienstes am Nächsten - wiederum auf den nun herrschenden Zeitgeist von Raffgier und »Geiz ist geil«. Nach Auflösung ihrer Tagesklinik Wielandshöhe stand die Villa seit April 2016 leer, wurde kurzzeitig von Protestierern besetzt und sollte nun doch mindestens 2,8 Millionen Euro Cash einbringen - unter dem irreführend angemaßten Vorwand der Gemeinnützigkeit. 
Selbst die Schmerzgrenze von dann 2 Millionen im Bieterverfahren konnte nur ein Bauträger aufbringen, der im Luxus-Segment die dicken Gewinne erwarten durfte - unter einer Voraussetzung: Das kann dann mal weg. Es hat nicht geklappt. Weil die Stadt, vom Oberbürgermeister über den Stadtarchivar bis zu den Gemeinderäten, aufgepasst hat. Das war gut so. Dass sich die fromme Schwesternschaft die Hände in Unschuld wäscht (der Bauträger habe »nur sondiert« und »nicht in unserem Auftrag«, hieß es vonseiten der Oberin Heidrun Kopp), das ist zwar ein bisschen peinlich, aber: was soll’s? Im Gemeinderat wurde die Schwesternschaft von einer grotesken kleinen Koalition verteidigt. Über einen »unzulässigen Eingriff ins Eigentum« empörte sich die CDU-Rätin Ingrid Fischer. Behinderten-Aktivist-Gotthilf Lorch von der Linken war die Barrierefreiheit eines Neubaus wichtiger und seiner Fraktionskollegin Gerlinde Strasdeit war die Altenpflege als »guter Zweck« vorrangig. Es gebe »ganz andere Spekulanten« in Tübingen... Selbstverständlich gehört ein solcher Ensemble-Schutz auch für die mindestens genauso markante Reihe von Verbindungshäusern auf dem Schlossberg beschlossen. Die Tübinger Liste hat das völlig zu Recht gefordert.