Tübingens Straßen tagsüber? Verstopft, Autos oftmals an Ampeln unnötig aufgehalten, verärgerte Autofahrer, verärgerte Radler und ... Das ist es aber noch lange nicht gewesen. Auch in den Gassen der Altstadt stöhnen die Fußgänger tagsüber, über den Lieferverkehr. Vor allem in der engen Neckargasse müssen Fußgänger, meistens zwischen 10 und 12 Uhr, um die Lieferfahrzeuge kurven, wenn sie sich wirklich durchschlängeln können. Diese drangvolle Enge hat bereits in der Vergangenheit zu Überlegungen geführt, den Fahrzeugen ganz strikte Fahrzeiten zuzugestehen. Doch was sich auf dem Papier gut las, hatte mit der Wirklichkeit nicht gerade viel zu tun. Zunächst einmal Zahlen, die ein Team von Geographen erhoben haben: Innerhalb von 24 Stunden waren in der Neckargasse 19 000 Personen und 400 Kraftfahrzeuge gezählt worden. In der Zeit von 7 bis 10 Uhr fuhr alle 75 Sekunden ein Auto durch die Gasse, zwischen 10 und 19 Uhr waren es alle drei Minuten. Die Zahlen hören sich nicht gerade dramatisch an, man sollte jedoch auch bedenken, dass sich die Wagen einen 7,5 Meter breiten Weg mit den Fußgängern teilen. Die Erhebung hatte die Verwaltung veranlasst, die Zahl der Ausnahmegenehmigungen drastisch zu reduzieren. Noch nicht geklärt ist, ob und inwieweit motorisierte Paketzusteller aus der Altstadt herausgehalten werden können.
Wird vorerst auch nicht gehen, sagt Wirtschaftsförderer Thorsten Flink. Es ist nämlich festgestellt worden, dass pro Jahr 7 bis 10 Prozent mehr Pakete zugestellt werden. Bis 2025 soll das Volumen sich geradezu verdoppelt haben. Da passte es ganz gut, dass Flinks Kollegin aus Konstanz zeigen konnte, wie am Bodensee das Problem bewältigt wird. Zunächst hat die Stadt die Ausnahmegenehmigungen erst einmal auslaufen lassen. Hinzu kamen strengere Kontrollen. Und schließlich setzte man sich mit den starken Paketdiensten zusammen, denen die Stadt insgesamt zehn größere Stellplätze zuwies, die in unmittelbarer Nähe zu den Fußgängerzonen lagen und von denen aus mit Handkarren oder Lastfahrrädern die Waren zugestellt werden mussten. Weiter könnte sich Tübingen an einem weiteren Modell orientieren. Eine Initiative könnte dafür sorgen, dass Transporträder für alle angeboten werden. Die erste halbe Stunde ist in Konstanz zum Beispiel kostenlos, die Räder können an zwölf Stationen abgegeben werden. Tübingen will jetzt zunächst einmal die Ausnahmegenehmigungen auslaufen lassen und dann ein Gespräch mit dem Paketdienst führen. Schwierigkeiten für Tübingen gibt es aber an einer anderen Stelle: Es gibt in der Altstadt keine einheitlichen Öffnungszeiten, Versuche, das zu schaffen, sind bisher alle gescheitert. Und: Tübingen tut gut daran, sich mit den Handwerkern, die in die Altstadt fahren müssen, zu einigen. Sie werden, das haben sie zu erkennen gegeben, wenn nötig, »massiv gegensteuern«, wenn neue Regelungen nicht ihren Vorstellungen entsprächen. Sie würden nicht dazu taugen, als Buhmänner gebrandmarkt zu werden. Dann ist gesichert, dass die Diskussionen nie langweilig werden.