Digitale Werbetafeln sprießen derzeit wie Pilze aus dem Boden. Die mit LED-Technik betriebenen Großbildschirme, auch Roadside Screens genannt, stehen mittlerweile in mehr als zwei Dutzend deutschen Städten und sind nun auch in Tübingen angelangt. Eigentümer und Betreiber der hiesigen LED-Tafeln ist der Kölner Medienkonzern Ströer SE & Co. KGaA, der sie an fünf frequenzstarken Verkehrsknotenpunkten aufstellen durfte und noch darf: an der Rheinland-, Hegel- und Schnarrenbergstraße sowie an der Adlerkreuzung Lustnau und am Hechinger Eck. Ein Beitrag zur Verschönerung des Stadtbildes sind die zehn Quadratmeter großen Bildschirme nicht: sie passen nicht in die Landschaft und stören. Auf den überdimensionalen Flächen flimmern die bunten Pixel und helfen dem Betrachter, klaffende Wissenslücken zu schließen: So wird die Frage beantwortet, wie viele Kinos Tübingen habe, dabei außer Acht lassend, dass es demnächst vielleicht eins weniger sein wird. Man erfährt, ob es regnet. Oder es leuchtet die Frage auf, wie viele Nobelpreisträger denn eine Verbindung zu Tübingen hatten (beim ersten Vorbeifahren las der Autor dieser Zeilen irrtümlich: Wie viele Nobelpreisträger waren in einer Tübinger Verbindung?). Die Themen hat sich die Ströer-Kreativabteilung ausgedacht. Die Werbeeinspielungen sind genau getaktet und wechseln alle zehn Sekunden. Zeigt die Ampel gerade Rot, müssen sich Auto- und auch Radfahrer (falls letztere sich an das Signal halten) von unnützer Werbung berieseln lassen.    
Schaltet sie auf Grün, geht’s erst mal nicht weiter, weil’s keiner merkt. Bei Dauergrün lässt sich’s zügig durchfahren, bis ein gerade eingeblendeter Rudi Völler eine Vollbremsung verursacht, denn der Vordermann steht im Stau. Irrungen, Wirrungen. Haben die LED-Werbetafeln für irgendjemand Vorteile außer für ihren Besitzer? Wohl kaum. Sie führen überdies zu einer weiteren Lichtverschmutzung in den Städten und fressen Strom. Und wer kontrolliert die redaktionellen Inhalte? In Zeiten von Fake-News (siehe oben) und Hacking sind dem Einfluss digitaler Medien kaum noch Grenzen gesetzt, was Sorgen bereitet.

Der Tübinger Gemeinderat hat die Genehmigung für das Aufstellen der Großbildschirme durchgewinkt, doch es gab auch Kritik, unter anderem von Berndt-Rüdiger Paul (AL/Grüne). »Die Tafeln sind eine optische Verschmutzung und bieten ein Ablenkungsmoment, das die Verkehrssicherheit beeinträchtigt. Sie überschwemmen uns noch mehr mit Werbung«, erklärte der Stadtrat auf Anfrage des TÜBINGER WOCHENBLATTS. Die Stadt verpachtet seit 1979 das Recht zur Aufstellung und den Betrieb von Werbeträgern im öffentlichen Raum. 2009 bekam die Deutsche Städte Medien (DSM) GmbH in einer europaweiten Ausschreibung den Zuschlag. Die DSM gehört mittlerweile zum Ströer-Konzern. Das Unternehmen Ströer ist ein Medien-Gigant und hält bundesweit den größten Marktanteil im Segment Außenwerbung. Ströer vermarktet die Werbeflächen an allen deutschen Bahnhöfen, ihm gehört das Portal T-Online. Ströer setzte die Stadt Tübingen mit der Androhung einer Vertragsstrafe von 100 000 Euro unter Druck, sollte sie die LEDs nicht genehmigen. Ströer wirbt auf seiner Webseite: »Die Screens bestechen durch eine erhabene Position und leuchtende LED-Technik und sind dadurch Tag und Nacht unübersehbar. Die lange Blickverweildauer wird durch redaktionelle Schlagzeilen verstärkt und erreicht die Zielgruppe mit hohem Haushaltsnettoeinkommen immer zur richtigen Zeit.« Also aufgepasst, alle Durchschnittsverdiener! Handwerker, Pflegekräfte, Kindergärtnerinnen und Arbeitslose mal weggucken, ihr seid hier nicht gemeint. 
Dass zunehmender Individualverkehr und steigende Mobilität Außenwerbung immer relevanter mache, ist eine These der Werbestrategen. Also aufgepasst, alle Anzeigenkunden! Nicht zuletzt vor dem Hintergrund aktueller Fahrverbote in Städten sowie kommunaler ÖPNV-Alternativen sind die regionalen Branchenfenster lokaler Druck-Erzeugnisse mehr denn je eine relevante Option. Und: aufgepasst Stadtverwaltung! Verträge lassen sich kündigen.