Rückblicke und Ausblicke – in seiner Neujahrsansprache schlug Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer einen weiten Bogen: Amazon und Künstliche Intelligenz (KI) im Tübinger »Cyber Valley«, Klimaschutz, erneuerbare Energien, »Fridays for Future«, Greta Thunberg, und, und, und… ja, die städtischen Finanzen! »Die Haushaltslage der Stadt hat sich abrupt eingetrübt. Wir müssen dieses Jahr mit deutlich weniger Geld auskommen«, erklärte der OB. Deshalb sei heuer auch nur die Hälfte der Brezeln, die die Stadt draußen in der Wandelhalle spendiere, mit Butter bestrichen. Knapp ein Viertel der Zeit widmet Palmer KI und Amazon. Der Gemeinderat hat sich mit 22 Stimmen denkbar knapp für den Verkauf eines Grundstücks im »Cyber Valley«, Ob dem Viehweidle, an den Online-Riesen Amazon ausgesprochen. Das Tübinger Wochenblatt hat dies wiederholt kritisiert. Der OB in seiner Rede: »Das Tübinger Wochenblatt kommentierte »Kein guter Tag für die Universitätsstadt … In wessen Interesse haben die 22 Gemeinderäte entschieden? Sicher nicht in dem der Bürgerinnen und Bürger».« Palmer weiter: »Zwar bleibt der Autor jeden Beleg für diesen schweren Vorwurf schuldig. Einfach weil er völlig haltlos ist.« Er betont: »Unsere Gemeinderäte haben gerade in dieser Frage lange und ehrlich um die beste Lösung für das Wohl der Stadt gerungen.« Gute Gründe hätte es gegeben, Amazon den Kauf des Grundstücks zu verweigern, stellt auch Palmer fest. Aber: »Doch wiesen diejenigen, die am Ende mit Ja stimmten, ebenso zu Recht daraufhin, dass eine Ablehnung von Amazon in Tübingen an den Kritikpunkten rein gar nichts ändern könnte.«  Was sich erst recht nicht belegen lässt. Und eine sonst so beliebte App-Befragung hätte wahrscheinlich ein anderes Meinungsbild in der Bürgerschaft ergeben: gegen die Amazon-Ansiedlung. 
Die rund 1000 Gäste erleben einen Bürgermeister, der vielleicht ein wenig nachdenklicher und besonnener wirkt, als üblich. Jemand der gegen seine sonstige Gewohnheit einige Fragezeichen setzt. Palmer will, dass Tübingen bis 2030 klimaneutral ist. Doch dafür sei die Stadt zu langsam. »Würden wir den bisherigen Pfad erfolgreich weiter beschreiten, so könnte Tübingen frühestens 2050 klimaneutral werden. Deutlich zu spät, sagen uns die Wissenschaft und «Fridays for Future»«, so der OB. Deshalb habe die Verwaltung aktuell ein Handlungsprogramm für die Stadt aufgelegt: mehr Photovoltaik, mehr Windkraft, mehr Solaranlagen, Ölheizungen ausrangieren, ein Drittel aller Pkw mit Verbrennungsmotor ausrangieren, kostenlosen Busverkehr, flächendeckend Parkgebühren, Bau der Stadtbahn. 
Und jetzt die Fragezeichen. Palmer: »Aber ist das alles realistisch? … Ein voll elektrifizierter Verkehr in nur zehn Jahren. Und das mit Stadtbahn, aber ohne Autos. Was wird da aus der heimischen Autoindustrie und ihren Zulieferern? Und wer sollen die 15.000 Haushalte sein, die ihr Auto abgeben? Eine Verdreifachung der erneuerbaren Energieerzeugung mit Solaranlagen auf jedem Dach und Windräder auf den Anhöhen. 
Wer soll das bezahlen und wie sieht unsere Stadt dann aus, eingerahmt von spiegelnden Paneelen und Rotorblättern? Ölheizungsverbot und Nahwärmenetze, flächendeckende Modernisierung der Gebäude und Wärmeanlagen, großflächige Solaranlagen an den Siedlungsrändern. Woher sollen die Handwerker kommen, um all das zu richten? Wie tief dürfen staatliche und kommunale Eingriffe gehen? 
Was wird aus all den anderen öffentlichen Aufgaben, vom Stadtarchiv und dem Konzertsaal über die Schulausstattung und die Kinderbetreuung bis hin zum Straßenerhalt, wenn derartig große Anstrengungen für nur ein Thema gemacht werden? 
Wer soll das bezahlen und überhaupt – soll eine kleine Stadt wie Tübingen wirklich wie Greta versuchen, die Welt zu retten? Sollte das nicht wenigstens das Land tun? Oder die Bundesrepublik. Oder Europa. Oder die USA und China? 
Wäre es nicht genug verlangt und genug getan, den Weg der kleineren Schritte weiterzugehen, den wir mit »Tübingen macht blau» bisher erfolgreich gegangen sind?« »Das alles sind berechtigte Fragen. Wir sollten sie dieses Jahr diskutieren«, räumt der Rathauschef ein. Wo er recht hat, hat er recht.