Das Duell geht weiter. Der Student Arne Güttinger hat gegen einen jetzt ergangenen Bußgeldbescheid der Stadt Tübingen Einspruch erhoben. Außerdem klagt er gegen Oberbürgermeister Boris Palmer auf Unterlassung »ehrverletzender Vorwürfe«. Vertreten wird Güttinger von einem Rechtsanwalt aus Waiblingen und einer Rechtsanwältin aus Reutlingen. Güttinger soll wegen Ruhestörung 85 Euro an die Stadtkasse zahlen, weil er bei einer nächtlichen Begegnung mit dem OB in der Innenstadt im vergangenen Jahr diesen lautstark angegangen haben soll, so die seinerzeit ermittelnde Staatsanwaltschaft.
Das, was in jener Nacht genau geschah, wird wohl immer im Dunkeln der Tübinger Altstadtgassen verborgen bleiben. Naturgemäß gibt es darüber zwei Versionen, die des Studenten und seiner Begleiterin einerseits, die des OBs andererseits. 
Doch beide stimmen zumindest in einem Punkt überein: Palmer hat den Studenten einer Ruhestörung bezichtigt und unter Vorlage seines Dienstausweises als Leiter der Ortspolizeibehörde dessen Personalien zur Verfolgung einer Ordnungswidrigkeit verlangt. 
Daraufhin machte er mit seinem Mobiltelefon Fotos von Güttinger. Palmer stellte später klar: In seiner Amtsfunktion habe er »das Recht zu einer Personenkontrolle, um Verstöße gegen Ortsrecht zu ahnden«– also »laute Schreierei nach 22 Uhr«. Das Handy-Foto habe er geknipst, »um die Chance zu erhalten, das Ordnungsgeld wegen Ruhestörung und Weigerung zur Angabe der Personalien durchzusetzen«. Die Chance hat der OB genutzt. Deshalb ist das Bußgeld nun fällig. Laut Staatsanwaltschaft soll sich Güttinger gegenüber dem OB abschätzig geäußert haben, woraufhin dieser das Gespräch gesucht haben soll. Das kann man Palmer nicht vorwerfen, im Gegenteil. Denn mit einer klärenden Aussprache wäre die Sache wahrscheinlich erledigt gewesen. Nachdem sich der Student und seine Begleiterin jedoch nicht darauf einließen und ihren Weg fortsetzten, soll sich Palmer ihnen mehrmals in den Weg gestellt haben, sodass die beideausweichen mussten.

In der aktuellen Presseerklärung der Rechtsanwälte Güttingers heißt es: »Der Wunsch unseres Mandanten, nicht in ein nächtliches Gespräch mit Herrn Palmer einsteigen zu wollen und die Äußerung »Lassen Sie mich in Ruhe. Ich möchte das nicht. Ich fühle mich bedrängt», stellt nach Ansicht der Rechtsanwälte keine Ruhestörung dar.« Ob es eine solche war, oder nicht, hängt aber davon ab, wie laut der Wunsch vorgetragen worden ist.
Lärmbelästigungen, ob massiv oder moderat, haben drastisch zugenommen. Dass die Stadt Tübingen ähnlich wie Heidelberg und Stuttgart künftig hart gegen nächtlichen Radau vorgehen will, hat sie bereits im September vergangenen Jahres angekündigt – lange vor dem Zwischenfall. Die rechtlichen Voraussetzungen dazu bestehen, geltendes Recht muss nur umgesetzt werden. Der Bußgeldkatalog 2019 sieht empfindliche Konsequenzen vor. Beispiel: Rasenmähen an Sonn- und Feiertagen kostet bis zu 50 000 Euro. Und für die Missachtung der Nachtruhe oder der Ruhezeiten an Sonn- und Feiertagen müssen Lärmverursacher bis zu 5 000 Euro berappen. Da kommt der Student mit 85 Euro noch glimpflich davon. 
Das Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Nötigung in einem besonders schweren Fall gegen Oberbürgermeister Boris Palmer hat die Tübinger Staatsanwaltschaft im Frühjahr eingestellt. Auch der Strafbestand der Amtsanmaßung sowie eines Verstoßes gegen das Kunsturhebergesetz sei nicht erfüllt, hatte die Anklagebehörde befunden. 
»Für das Vorgehen von Herrn OB Palmer fehlt es an der rechtlichen Grundlage. Herr OB Palmer hat seine Befugnisse überschritten. Dies ist nun durch die Bußgeldbehörde zu überprüfen beziehungsweise falls keine Einstellung durch die Behörde erfolgt durch das Gericht«, heißt es in der Presseerklärung der Anwälte weiter. 
Ist der Fall also wieder offen? Fortsetzung folgt.