Die Grünen auf Platz Eins. Der Siegeszug der Öko-Partei im ganzen Land spiegelt sich auch in den Wahlergebnissen in Tübingen wider: 34,5 Prozent holten die Grünen bei der Gemeinderatswahl. In dem Gremium haben sie jetzt 14 Sitze, zwei mehr als vor fünf Jahren, Grün-Rot hat wieder eine Mehrheit. Im Kreis kamen die Grünen auf ein Plus von 11,2 Prozent, mehr, als die Partei bundesweit zugelegt hat. Im Kreistag sind sie nun größte Fraktion. Und die ehemaligen großen Parteien? Sie wurden vom Wahlvolk abgestraft. Wie lässt sich der Hype der Grünen erklären?

So wie vielerorts und vor allem in den größeren Städten spielte bei der Wahlentscheidung die lokale Politik offenbar eine untergeordnete Rolle. Ausnahmen bestätigen die Regel, treffen die Wähler in kleineren Kommunen oftmals Personenentscheidungen. So in Mössingen. Hier konnte die CDU immerhin knapp fünf Prozent gewinnen, die Grünen verloren geringfügig. Die Gründe für den einheitlichen Trend liegen klar auf der Hand: Personal und Programmatik von CDU und SPD geben auf Bundesebene ein wenig überzeugendes Bild ab. Die Sozialdemokraten haben es nicht geschafft, sich als eine Partei zu präsentieren, die den Herausforderungen der Zukunft gewachsen wäre und drängende Probleme anpacken könnte. Beispiel: Klimaschutz. Eine Umfrage vor der Europawahl hat ergeben, dass nur sieben Prozent der Deutschen glauben, dass die SPD die wichtigen Aufgaben der Zukunft lösen könne. Nur fünf Prozent denken, dass die Sozialdemokraten am ehesten eine gute Klima- und Umweltpolitik umsetzen. Und eine inzwischen zurückgetretene Partei-Vorsitzende, die nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch in den eigenen Reihen oftmals als peinlich und unfähig wahrgenommen wird im Verein mit einem Juso-Chef, der eine Aktiengesellschaft verstaatlichen will, tun dann ein Übriges.

Die Tübinger SPD ist mit einem Verlust von 2,8 Prozentpunkten nochmal mit einem blauen Auge davongekommen. Die Fraktion hat jetzt sechs Sitze im Gemeinderat, einen musste sie abgeben. Mit einem Stimmenverlust von 8,7 Prozent hat die CDU in Tübingen ordentlich Federn lassen müssen, sie ist die eigentliche Wahlverliererin. In Rottenburg hat die CDU 7,6 Prozent abgegeben. Wahrscheinlicher Grund für die Niederlage auch hier: die Politik in Berlin. Kanzlerin Merkel hat die CDU auf »mainstream« getrimmt, egal, ob sie bei Wahlen 33, 28 oder eben nur 15 Prozent holt. Das hat die Grünen gestärkt (siehe oben) und rechts Platz gemacht für die AfD. So haben Freie Wähler und CDU im Kreistag keine Mehrheit mehr, Einzug halten AfD und Die Partei mit jeweils zwei Kreisräten. Auf Bundesebene präsentieren sich die Grünen in Einheit und Harmonie. Das kommt bei den Wählern landauf, landab gut an. Die Partei punktet überdies vor allem bei den Jungen, indem sie das Thema Klimaschutz für sich besetzt hält. Der hat zu Recht hohe Priorität. Doch die politischen Herausforderungen und Aufgaben sind komplex: Wohnungsnot, Zuwanderung, Dieselproblematik und die Wirtschaft sind die Themen, die Bürgern unter den Nägeln brennen.

Künftig wird man sich darauf einstellen müssen, dass die Medien, insbesondere die digitalen, auf Wahlentscheidungen noch stärkeren Einfluss nehmen - und zwar bis in den Ortschaftsrat. Das bringt die Gefahr wachsender Irrationalität und Emotionen. Wenn eine sechzehnjährige Schülerin oder ein fuchtelnder Youtuber einmal bestimmen, wer in den Parlamenten sitzt, muss irgendwas schief gelaufen sein. Was war mit dem Palmer-Effekt? Vermutlich ein Nullsummenspiel. Viele haben den OB nicht (mehr) gewählt, weil sie dessen öffentliche Äußerungen und Aktionen nicht gutheißen, gar verurteilen. Doch Palmer steht für einen anderen Politiker-Typus, was ihm auch über regionale Grenzen hinaus Sympathien verschafft: er ist geradeheraus, standhaft und authentisch. Mindestens genauso viele haben ihm gerade deshalb ihre Stimme gegeben.

Nach der Wahl ist vor der Wahl. Der nächste Urnengang kommt bestimmt: 2021 sind Landtagswahlen in Baden-Württemberg, ein Jahr später will Palmer erneut antreten.