Metzingen hat den verkaufsoffenen Sonntag am 7. Mai abgesagt. Wenn ein Fest nur als Anlass genommen wird, damit die Geschäfte öffnen können, ist das nunmal nicht zulässig. So urteilte das Bundesverwaltungsgericht im November 2015. Bedeutet dies nun das Aus fürs Sonntags-Shopping insgesamt? Weil die Gewerkschaften Alarm geschlagen haben und den Menschen das Einkaufserlebnis an Sonntag vermiesen wollen? 
Das ist natürlich blanker Unsinn. Auf die Größe der Festivität kommt’s an; damit auch auf die Anzahl und die Größe der Geschäfte. Und in Outlet-City Metzingen, einem der größten Fabrikverkaufs-Orte Europas, sind das sehr viele. Das Urteil ist eine Art Warnschuss für Städte, die künftig darauf achten müssen, dass ihr geplantes Fest nicht nur ein Festle ist - und damit bloßes Beiwerk.
»Samstag gehört Vati mir« hieß es erstmals 1952 bei den Gewerkschaften. Dasselbe jedoch meinten auch die Arbeitgeber - und so gehörte Papi eben doch ihnen, dann, wenn Samstagsarbeit wichtig für die Produktion in den Betrieben war. »Sonntags gehört aber auch Mutti mir«, möchte man heute anfügen, wenn es um die verkaufsoffenen Sonntage geht. Denn in den Einzelhandelsgeschäften sind überwiegend Frauen tätig. Auch wenn viele von ihnen das zusätzliche Geld dringend benötigen, angesichts ihres oft geringen Gehalts. Das sieht auch die Gewerkschaft ver.di so, doch es müsse eben Grenzen geben.
Zwei Termine im Jahr in Metzingen, so ließen die Kirchen bereits im Herbst wissen, seien vertretbar, allerdings gelte auch: Das Gebot der »Sonntagsheiligung« sei eines, »das dem Wohl der Menschen dient und sogenannten wirtschaftlichen Zwängen nicht preisgegeben werden darf«, schrieb beispielsweise die Evangelische Kirche Metzingen dem Ordnungsamt der Stadt ins Stammbuch.
»Es gilt an Sonntagen ein Arbeitsverbot für alle Tätigkeiten, die verzichtbar sind«, das ist Gesetz - heute noch. Allerdings gibt es lange schon Ausnahmen, so bei Festen in einer Stadt, die so prägend sind, dass sie nicht nur die Kulisse sind, vor der die Menschen mit voll bepackten Einkaufstaschen durch die Stadt flanieren.
Und damit geht’s für Kommunen wie Metzingen ans Eingemachte: Ist nämlich die Verkaufsfläche der Geschäfte, die an einem Sonntag öffnen wollen, deutlich größer als »die örtlichen Feste«, so steht’s schon lange im Ladenöffnungsgesetz des Landes, ist Sense mit dem Verkaufserlebnis. Zurecht.
Münster musste bereits fünfmal klein beigeben. Stuttgart erhielt nach Protesten der Gewerkschaft ver.di für den 2. Oktober 2016 eine Abfuhr. Anders war’s in Sindelfingen: Das Kinderfest am 30. Oktober 2016 für sich allein genommen würde bereits einen »beträchtlichen Besucherstrom anziehen«, meinte der Verwaltungsgerichtshof.
»Mode, Freizeit und Aktivitäten« in Metzingen aber sei etwas anderes. Das dürfte auch Besucher ärgern, die bereits vor Monaten ihre Flug- oder Busreise nach Metzingen gebucht haben. Von Split, Dubrovnik, Zürich, Moskau oder Warschau - ja selbst von Shanghai aus - geht’s rein in den Flieger nach Stuttgart und weiter zum Shuttle-Bus ins Einkaufs-Mekka an der Erms. Knapp 40 Prozent der Outlet-Besucher kommen aus dem Ausland. Da mutet das Wehklagen des Metzinger Oberbürgermeisters Ulrich Fiedler geradezu putzig an: Der Einzelhandel vor Ort müsse wegen des abgesagten Maisonntags befürchten, die Leute würden zum Shoppen nun ins Internet abwandern. 
In Tübingen sieht man aktuell keine konkrete Gefahr für die verkaufsoffenen Sonntage. Man sei aber für das Thema sensibilisiert, erzählt Julian Spohn, Leiter der Geschäftsstelle des Handel- und Gewerbevereins (HGV). Unabhängig von ver.di stünden der Frühlingsmarkt sowie die Sommerinsel eh auf dem Prüfstand. »Wir wollen diese Veranstaltungen noch attraktiver machen, damit viele Menschen zu uns in die Stadt kommen«, so Spohn, der auch sagt: »Verkaufsoffene Sonntage sind kein Selbstzweck.« Der Gemeinderat – der den verkaufsoffenen Sonntagen zustimmen muss – prüfe schon jetzt sehr genau. Und auch Rainer Kaltenmark, Leiter des Ordnungsamts erklärt: »Wir kennen natürlich die Kriterien des Bundesverwaltungsgerichts und haben eh schon nach diesen Grundlagen gehandelt.« Daher ist man in Tübingen wohl erst einmal gerüstet. Am 2. April steht nun der Frühlingsmarkt mit dem Themenschwerpunkt »Holz« auf dem Programm.