Die können das, sollte man meinen. Aber das »grüne Tübingen« - das immer auch ein bisschen links, ein bisschen bürgerlich-liberal, ein bisschen religiös, ein bisschen rechts-spießig oder wertekonservativ war - und sein supergrüner Oberbürgermeister haben sich völlig überworfen. Der ist jetzt Rassist. Soll bereuen, büßen und bekennen. Die sind jetzt »Menschenrechts-Fundamentalisten«, »moralisierende Kreuzzügler« früher sagte man, etwas verächtlich: »Gutmenschen«. 

Und beide zeigen sich gegenseitig ihr Etikett mit trotzigem Stolz. Gut immerhin, dass man im Ratskeller noch gemeinsam sein alkoholfreies Bio-Bier trinken geht, nach der Sitzung. 
Was man die Flüchtlingskrise nennt (ist »Geflüchteten-Krise« korrekter?), fand im Spätsommer 2015 bis daumenpeilig zum Frühsommer 2016 statt. Ein echtes Problem: humanitär, organisatorisch, rechtlich und vieles mehr. Direkt ausgelöst vielleicht durch die hanebüchene Knausrigkeit »des Westens« bei der Versorgung syrischer Stellvertreter-Kriegsflüchtlinge in den Lagern in Jordanien, im Libanon.

Nicht nur in Tübingen, aber da besonders, ist die Betriebstemperatur der Systeme, die damit zu tun haben (Regierung, Verwaltung, Medien, »Öffentlichkeit«, zupackende Helfende und helfende Organisationen, »besorgte Bürger« und fremdenfeindliche Sprachrohre) ungefähr so gleichmäßig hochgefahren worden wie vor 32 Jahren der Kernreaktor Block vier von Tschernobyl – zunächst zu Testzwecken.
Es ging um so etwas wie Deutungshoheit, um so etwas wie die richtige Seite, das richtige Bewusstsein, die richtige Konfession – wo man sich früher entlang von so etwas wie dem »Parteibuch«, Rechten oder Linken, Fundis und Realos gestritten hatte. 
Das Hochfahren des Reaktor endete mit so etwas wie einer Kernschmelze.

Was da eine rot-grün-linke Gemeinderatsmehrheit »ihrem« OB als »Resolution« vor den grünen Latz geknallt hat, wäre vor einigen Jahren noch ein exemplarischer Skandal gewesen, über den die Republik feixt, die Presse sich einen um den anderen abschreibt, bevor Sieger und Besiegte in Triumph oder Untergang auseinandergehen.
Früher, ja früher, da hätte es vielleicht geheißen: »Tischtuch zerschnitten«, »Rücktritt unausweichlich«, »Richtungsstreit«, »Beben im Südwesten« »Grüne Stunde der Wahrheit«. Inzwischen sieht es eher danach aus, als sei zwar tatsächlich »die Stadt gespalten«, als sei diesem eigenartigen Gemeinwesen ein verbindender Kern dahingeschmolzen. Aber nicht einmal das interessiert mehr so richtig.
Die Keulen-Schwingerei der Streithansel hat nur noch Unterhaltungwert.


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