»Hab ich im Internet gekauft« oder »War ein super Online-Schnäppchen« - ähnliches hört jeder ab und zu von Freunden oder Verwandten. Der Internethandel boomt - und die Zentren kleinerer Städte wie Rottenburg bluten aus. Gerade in der Ecke rund um die Zehntscheuer fällt auf, dass es dort ein Ladensterben gibt. So schließt etwa das »Trüffelchen«, dessen Besitzerin Claudia Böhler mit selbst gekochten Suppen die Rottenburger verwöhnte. Ihre wirtschaftlichen Erwartungen an den Feinkost-und Geschenkeladen gegenüber dem türkischen Spezialitätengeschäft gingen nicht auf. Denn wer Geschenke suchte, der konnte auch noch ein paar Schritte weitergehen zum Kaffeewerk, wo man Schokolade und Kaffee kaufen kann. Wenn das Trüffelchen geschlossen ist, werden Hamza und Döndü Gedik vom Früchtehaus in den Laden einziehen – ein erfreuliches Beispiel, der Laden mit regionalen und biologischen Lebensmitteln läuft gut. Nur wenige Schritte vom »Trüffelchen« entfernt versuchte Manuel Pettenkofer ihr Glück mit Männermode der hochwertigen Art für »Prachtkerle« und alle, die es werden wollten. Der gleichnamige Laden trug sich aber nicht, Pettenkofer will es nun mit Mode für Damen versuchen.
Man wünscht all jenen, die kleine Lädchen wie das Trüffelchen betreiben, dass die Käufer aus ihrem Internethype aufwachen und wieder vor Ort kaufen. Die WTG (Wirtschaft und Tourismus Rottenburg am Neckar) versucht, mit dem Konzept »Kaufhaus Innenstadt« die Kauflust der Bürger zu steigern. Auch der HGV (Handels-und Gewerbeverein) organisiert immer wieder Aktionen, etwa das Gauklerfest, den Goldenen Oktober oder im Frühjahr die Primelaktion. Doch das reicht wohl kaum aus. Unterm Strich soll sehr viel mehr getan werden, verspricht nun Thomas Weigel, Erster Bürgermeister der Stadt Rottenburg. So hat die Stadt etwa eine Stelle für das Leerstandsmanagement des Einzelhandels eingerichtet. Beratend könne man hier den Interessenten und auch den Eigentümern zur Seite stehen.
Auch arbeiten HGV, WTG und die Stadt in einer Arbeitsgruppe zusammen, die Rottenburg als Einkaufsstadt aufwerten will. So wurde etwa das Konzept der Weihnachtsbeleuchtung verbessert und auch ein Konzept für die Abendbeleuchtung der Stadt wurde entwickelt. Gut so! Denn nur mit gutem Licht können die Geschäfte in den Abendstunden den Kunden ihre Waren präsentieren. Ein Novum ist laut Weigel auch der Plan, mehrere Häuser miteinander zu verbinden, sodass man trockenen Fußes von Geschäft zu Geschäft gehen kann – wie in einer kleinen Einkaufspassage: »Dies gibt es in anderen Städten bereits, in Rottenburg ist der Plan aber neu.« Viel Hoffnung setzt der Baubürgermeister in die neue Mitarbeiterin und Geschäftsführerin der WTG, die zum ersten April ihre Arbeit aufnehmen wird. Carmen Gsell wird auch vom HGV bereits mit Spannung erwartet. Weigel wünscht sich, dass Gsell den Internethandel für Rottenburg auf die Schiene bringt. Dies habe ihre Vorgängerin Elke Spielvogel bereits angeschoben, so dass man ein vorhandenes Konzept ausbauen kann. Nicht andere Städte wie Tübingen, Nagold oder Horb machten dem Rottenburger Einzelhandel Konkurrenz, sondern vor allem der Internethandel. Problem erkannt, Problem hoffentlich bald gebannt. Es gilt nun, sowohl das Durchhaltevermögen der Einzelhändler zu stärken als auch die Kauflust der Rottenburger. Dabei sollte man auch auf die Kleinteiligkeit und Vielfalt der Rottenburger Geschäfte setzen – für fast jeden Kaufwunsch findet sich in der Innenstadt ein passender Laden. Den Vorwurf, erst spät auf die Leerstände zu reagieren, muss sich die Stadt Rottenburg – wie viele andere Städte auch – wohl gefallen lassen. Doch es ist ja gut, dass sie den Einzelhandel nicht mehr alleine lässt. So kann es bald vielleicht neben dem Gauklerfest und dem Goldenen Oktober auch an einem gewöhnlichen Montag oder Dienstag schöne Einkaufserlebnisse in Rottenburg geben.