Autofrei ist schick. Und: Das Auto ist der neue Sündenbock. Zwar sind Pkw-Produktion und Exportzahlen wieder leicht angestiegen, und man möchte angesichts der wirtschaftlichen Bedeutung des Industriezweiges sagen »Gut so«, doch es bleibt dabei: Wer sich heute zum Auto bekennt, ist gesellschaftlich geächtet und praktisch erledigt. Dabei werden Verbrennungsmotoren zunehmend umweltfreundlicher, es werden mehr E-Fahrzeuge gebaut, andere Antriebstechniken wie die Brennstoffzelle sind in der Entwicklung.

Die Regelungswut von Freizeit-Aktivisten und Verbotspolitikern ist flächendeckend suggestiv. Bevormundung hat Hochkonjunktur. Auch Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer hat in seinem kürzlich vorgelegten 10-Punkte-Plan dem Auto nochmalig den finalen Kampf angesagt (wir berichteten). Der OB setzt auf Zwang. Er will eine autofreie Innenstadt und Wilhelmstraße sowie Parkgebühren im gesamten Stadtgebiet. Auch in den Dörfern. Das Ziel: Bis zum Jahr 2030 soll die Stadt klimaneutral sein. Meint Palmer dabei eigentlich Autos mit Verbrennungsmotor, oder bezieht er auch Elektroautos ein? Letzteres wäre ziemlich widersinnig. Denn in deren technische Entwicklung und Förderung investieren Staat und Privatwirtschaft gerade Milliardenbeträge. Und für die Betankung mit Strom will die Stadt Tübingen bis zum Jahresende weitere 44 Ladepunkte errichten. 

Elektroautos kosten viel Geld, und das wird vorerst auch so bleiben. Die klimafreundliche Technologie können sich nur wenige leisten. Wenn ja, wird’s in Tübingen richtig teuer. 30 Euro muss dann künftig jeder (Elektro)-Auto-Besitzer für seinen Stellplatz berappen – monatlich! So denkt sich das der Rathauschef. Plus die obligatorischen 15 Euro für den kostenfreien Tübus, plus weitere Parkgebühren, plus potenzielle Steuererhöhungen. Diese Variante einseitiger Klimapolitik ist unsozial. Sie trifft nicht nur die ganz Armen, die sich sowieso kein Auto leisten können, sondern auch die Normalverdiener, somit Teile des Mittelstands. 

Wichtigste Funktion des Autos ist immer noch der Transport von Personen, Gütern und Sachen. Manche Senioren brauchen es, um überhaupt noch mobil zu sein, wenn es keine öffentlichen Verkehrsmittel gibt oder ihr Gebrauch zu beschwerlich ist. Eine Familie ist auf ein Auto angewiesen, wenn die Eltern nachts schnell in die Klinik müssen, weil das Kind hohes Fieber hat. Soll die mit dem E-Roller fahren? Der ist ungeeignet aber geschickt, wenn ein Student mal schnell mit leichtem Gepäck in die Shisha Bar will. Oder soll sie ein Taxi rufen? Was tun, wenn die Haushaltskasse leer ist. Ach ja, es gibt noch Carsharing. Palmers Lösung für alle Fälle. Aber Sharings sind umständlich, bürokratisch, man muss erstmal buchen. Politiker berauschen sich mit eigenen Visionen. Palmer präferiert die Elektromobilität auf zwei Rädern und glaubt an deren Zukunft, was er wiederholt betont hat. Klingt nicht schlecht. Es ist sicher amüsant, wenn künftig ganze Kolonnen von Dachdeckern, Bauunternehmen oder Fliesenlegern auf Leihrollern unterwegs sind. Wir erleben gerade eine Politik der kurzen Gedanken, nichts ist bis zum Ende durchdekliniert. Die Ökobilanz sämtlicher Baumaßnahmen – Fehlanzeige. Muss auch nicht interessieren, denn sämtliche Bagger und Radlader fahren bald elektrisch. Was wiederum die Lithium-Zelle nicht mitmacht. Finanzierbar ist eh alles, Geld spielt keine Rolle. Von Dauerbelästigungen und Gesundheitsschäden für Anwohner einmal abgesehen. 

Mit der Formulierung der Klimaziele unternimmt der OB zudem den Versuch, vollendete Tatsachen für die Innenstadtbahn zu schaffen. Dass diese allein wegen ihrer linearen Funktionalität als Verkehrskonzept für Tübingen völlig ungeeignet ist, ignoriert er einfach. Die Stadt braucht aber modulare Lösungen. 
Ein Vorschlag. Wer Autos aus tiefer liegenden Beweggründen, in welche Licht zu bringen, dies nicht der geeignete Ort ist, einfach nur hasst, sollte Gelegenheit haben, diese auszuleben. Denkbar sind hier Wurfbuden, wie man sie etwa vom Wasen kennt, bestückt mit Daimler- oder Porsche-Modellen.