Mehr als 9 000 Menschen demonstrierten am vergangenen Freitag in Tübingen und verliehen ihrer Forderung nach mehr Klimaschutz Nachdruck. 
Sie gingen auf die Straße, denn die Schülerbewegung »Fridays for Future (FFF)« hatte dazu aufgerufen – weltweit. Es war ein großer und bunter Auftritt, jeder zehnte Tübinger ist mitgelaufen – ob jung, ob alt, auch die Parteizugehörigkeit spielte offenbar keine Rolle, zu bedeutsam ist das Anliegen. 
Um fünf Minuten vor zwölf standen einige Kirchturmuhren still. Wenig später stoppte der Zug zu einer Zwischenkundgebung vor der neuen Aula in der Wilhelmstraße. Anneke Martens von der FFF-Ortsgruppe Tübingen kritisierte in ihrem Redebeitrag dass soeben verabschiedete Klimaschutz-Paket der Bundesregierung, das aus ihrer Sicht den Beschlüssen des Pariser Klimaabkommens nicht gerecht werde. Das 1,5-Grad-Ziel der Weltgemeinschaft könne so nicht eingehalten werden, meinte Martens.
Das Klimaschutz-Paket wird von allen Seiten heftig attackiert. Umweltschützer, Politiker und Wissenschaftler kritisieren, dass die Maßnahmen nur ein Tropfen auf den heißen Stein seien, die längst nicht ausreichten. Das bleibt jedoch abzuwarten. Immerhin sieht das Paket vor, dass 2021 die CO2-Bepreisung von Benzin, Diesel, Heizöl und Erdgas mit einem Festpreis für Verschmutzungsrechte von zehn Euro pro Tonne CO2 startet. Bis 2025 soll der Preis schrittweise auf 35 Euro steigen. Wer eine alte Ölheizung gegen ein klimafreundlicheres Modell auswechselt, soll mit einer »Austauschprämie« von bis zu 40 Prozent der Kosten gefördert werden. Im Gegenzug zu einem CO2-Preis im Verkehr und bei Gebäuden soll die EEG-Umlage zur Förderung des Ökostroms ab 2021 gesenkt werden. 
Der Ausbau des Ökostroms soll beschleunigt werden. Bei E-Autos winken staatliche Prämien. Bei aller teils auch berechtigter Kritik ist klar: Es ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. 
FFF fordert vehement den Ausstieg aus der Braunkohleförderung und -verbrennung bis 2030. Auch diese Problematik hat die Politik, wenn auch spät, erkannt. Die Kohlekommission der Bundesregierung hat sich auf einen Kohle-Ausstieg bis spätestens 2038 verständigt. Er soll möglicherweise sogar um drei Jahre vorgezogen werden.
Laut Abschlussbericht vom 26. Januar 2019 soll die Kohle-Leistung bis 2030 halbiert werden. Das Gremium, bestehend aus Vertretern von Industrie, Gewerkschaften, Umweltverbänden und Wissenschaft, wertete den erzielten Kompromiss als großen Erfolg, weil er neue Arbeitsplätze schaffe, eine sichere und bezahlbare Energieversorgung garantiere und einen Beitrag für den Klimaschutz leiste. 
Die Braunkohle ist weltweit auf dem Rückzug. Zwar ist Deutschland bei deren Förderung seit Jahrzehnten globaler Spitzenreiter, doch ist ihr  Anteil an der Weltförderung seit 1970 um mehr als die Hälfte auf rund 17 Prozent zurückgegangen. Fast alle Staaten fördern so wenig Braunkohle, wie noch nie.
Vor allen Dingen muss Klimaschutz auch sozialverträglich gestaltet werden. Es ist zutreffend,  dass rigorose Umweltschutzmaßnahmen vor allem die ärmeren Menschen treffen. Wer aus beruflichen Gründen aufs Auto angewiesen ist, sich aber nur ein altes leisten kann, das jetzt aus der  Innenstadt verschwinden soll, wird in Zukunft ganz  aufs Autofahren verzichten müssen, denn elektrisch angetriebene Autos sind  für Geringverdiener  unerschwinglich.   Für Besserverdienende bedeutet mehr Klimaschutz lediglich eine  Umstellung ihres Konsumverhaltens. 
FFF sollte sich in die öffentlich und demokratisch geführten  Diskurse lokal wie   global  konstruktiv einbringen. Der ehemalige Präsident des Deutschen Bundestages, Wolfgang Thierse, kritisierte Greta Thunbergs Aussage, Klima vertrage keine Kompromisse, mit den Worten, sie enthalte einen „antidemokratischen Affekt“, und merkte an, dass Politik „nur Schritt für Schritt, immer auch auf dem Weg von Kompromissen“ funktioniere.  Da hat Thierse, einst selbst Mitglied einer Bürgerbewegung, recht.