Riesig ragen sie in den Himmel. Dunkel. Bedrohlich. »Hab ich mich verfahren? Falsch abgebogen? Ich wollte doch in die Justinus-Kerner-Straße?« Nein, nein lieber Autofahrer, Du bist schon noch richtig und immer noch in Reutlingen. Was Du hier siehst, gehört zu der Wohnungsbauoffensive 2025 der Stadt. Es herrscht nämlich Wohnungsmangel. Deshalb entstehen hier am Schieferbuckel entlang der Ost-West-Trasse 350 Wohneinheiten. Aber was sind das für Hochhäuser? Das sind keine Hochhäuser. Nicht? Sechs Stockwerke? Sieht aus wie im Schafstall. Nein, es ist nur das Blue Village, so der fetzige Name, es muss ja Englisch sein, das klingt besser als Blaus Dörfle. Das wäre dann doch zu verniedlichend.

 Vor allem wenn man weiß, dass ja noch mehr dazu kommt. Nicht im Blue Village, gleich daneben an den Schieferterrassen. Noch mehr solcher Bauklötze? Noch mal 380 Wohneinheiten. Darüber wissen die Männer der Interessengemeinschaft Schieferbuckel bestens Bescheid. Sie wenden sich seit fünf Jahren wieder und wieder an die Öffentlichkeit. Mit guten Gründen. Warum? Weil ihnen die Sicht verbaut wird? Auf die Achalm und den Albtrauf? »Wenn wir nur das hätten, da würde uns gar niemand von den Oberen zuhören«, sagt Joachim Bader. 
Der 51-Jährige kämpft mit seinen Mitstreitern Wolfgang Mierzwa , Wolfgang Bauer und Erwin Schilla dagegen an, dass hier mit Unmaß gebaut wird. »Das hier hat nichts mehr mit umgebungsangepasstem Bauen zu tun, wie es in Paragraf 34 Baugesetzbuch für neu erschlossene Gebiete gefordert wird«, nennt Bader den Grund für ihren Unmut. Das sei nicht pragmatisch, das sei nicht zu Ende gedacht. 

Haben sie das der Stadt so gesagt? Nicht nur gesagt: immer wieder geschrieben, den Fraktionen des Gemeinderats, der Stadtverwaltung. Welche Reaktionen gab’s? Die Vier schauen sich an, »sie haben geantwortet, aber nichts beantwortet. Es hieß nur lapidar: ’sie bekommen Bescheid’. Wir warten immer noch.« Aber es gab doch eine Infoveranstaltung? »Sogar mehrere, aber da waren ja keine Fragen zugelassen«. 

Ein schwerer Vorwurf schwebt deshalb im Raum: Von Ignoranz gegenüber den eigenen Bürgern ist da die Rede, von Frust gegenüber dem Amt und Entscheidungsträgern, die es nicht mal für nötig halten, sich ernsthaft die Argumente anzuhören, die immer wieder vorgetragen werden. Von Aussitzen ist da die Rede, gar von Arroganz.
Auf Nachfrage antwortet Ulrike Hotz, an den Plänen werde momentan noch mit Nachdruck gearbeitet.  Sobald ein Auslegungsbeschluss gefasst ist, gehe es in die Öffentlichkeit. Sie schätzt es werde so kurz vor den Sommerferien sein. Die Baubürgermeisterin legt  aber wert  darauf, dass sie sich dafür einsetzt, den Beschluss nicht in den Sommerferien auszulegen, sondern danach. »Es ist uns wichtig mit den Anliegern ins Gespräch zu kommen.« 
Ihr Engagement begründen sie mit »starken Argumenten«, wie sie sagen. Mit Gründen, die weit über die persönlichen Belange einzelner Anwohner – wie freie Sicht für freie Bürger – hinausreichen. Ihnen geht es um mehr. 

Ihr Engagement begründen sie mit »starken Argumenten«, wie sie sagen. Mit Gründen, die weit über die persönlichen Belange einzelner Anwohner – wie freie Sicht für freie Bürger – hinausreichen. Ihnen geht es um mehr. Ihnen geht es um eine gute Zukunft mit neuen Wohnungen. Ihre Argumente machen nachdenklich. Es geht um die Frischluftzufuhr, eine Verkehrsanbindung via neuer Kreuzung, Parken und auch um die Natur. 
Gleichwohl sagen sie: Wir haben grundsätzlich nichts gegen Bebauung hier. »Aber maßvoll muss sie sein. Wenn sie hier vierstöckige Wohnblöcke geplant hätten, würde hier niemand auf die Barrikaden gehen«, sagt Joachim Bader, selbst Bausachverständiger. Mit jeder inhaltlich nicht beantworteten schriftlichen oder auch mündlichen Anfrage steigt der Frust, die Wut auf die Entscheidungsträger und vor allem auch auf die Glaubwürdigkeit der Verantwortlichen. Das macht es heikel. 
Sind sie noch für die Bürger da oder machen sie sowieso, was sie wollen? Deshalb gehen sie  zu den Medien. Tageszeitungen haben schon groß darüber berichtet. Reaktionen darauf? Von Seiten der Stadt? Nullkommanull. Von Nachbarn, Bürgern, Verwandten, Bekannten? Empörung, »es hat niemand Hurra geschrien nach der Zeitungslektüre«, sagt Wolfgang Mierzwa. Sie lassen sich nicht unterkriegen, bleiben dran. 
So einen Bebauungsplan kippen, das ist nicht leicht. Aber es gibt Beispiele dafür, dass man etwas erreichen kann. Das motiviert sie. Im Bihler-Areal haben sie ein Stockwerk heruntergenommen, in Gönningen ist er gar ganz gekippt worden. Warum nicht auch hier. Das geht aber nur noch auf den Schieferterrassen, wo die GWG bauen wird, denn im Blue Village sind schon  Fakten geschaffen worden. 
Es gibt aber driftige Gründe, aus der Sicht der Bürgerinitiative. Die Frischluftzufuhr für Reutlingen führt in ostwestlicher Richtung genau hier vorbei. Nach Planungen von 1985 hätte hier gar nicht gebaut werden dürfen, um die Frischluftzone zu erhalten, erzählt Erwin Schilla, Rentner, 80 Jahre alt. 
Die hohen Häuser behindern die Durchlüftung an dieser Stelle, weil sie schlicht im Weg stehen. Im Blue Village ist eine zehn Meter breite Schneise dafür vorgesehen. Im Verfahren sei ein Klimagutachter beteiligt, sagt Ulrike Hotz. Zudem seien auch Retentionsflächen eingebaut, um mögliche Überflutungen zu verhindern. Die Maßnahmen reichen nach Ansicht von Bader und Co nicht aus, um die Frischluftzufuhr weiterhin zu gewährleisten, da ja auch noch große Bauklötze an der Schieferterrasse dazu kommen. 
Ganz krass finden die Kritiker die neue Kreuzung an der B 28, die dann gebaut wird, wenn alle Häuser stehen. Wundersam finden sie das. 
Das macht man doch normalerweise vorher. OK aber darum geht es nicht mehr. Auf der Strecke von Tübingen nach Metzingen, genau diese hochfrequentierte Straße ist es, die ja auch eine zentrale Bedeutung im Reutlinger Luftreinhalteplan hat, ist betroffen. Hier soll noch eine Kreuzung dafür sorgen, dass der Verkehr unterbrochen wird. Joachim Bader sieht darin eine »Vollkatastrophe« auf Reutlingen zukommen. 
Weil der Knoten nicht nur dem überregionalen Verkehr schadet, sondern auch den Anwohnern. Und hier kommen wir zum nächsten Punkt der gewichtigen Vorwürfe. Dem Parken. 
Im Blue Village ist noch ein Stellplatz pro Wohneinheit vorgesehen. Auf den Schieferterrassen  lautet der Stellplatzschlüssel nur noch 0,8. Da passt kein Auto mehr darauf. Wo sollen die Menschen parken? 
Die Planer und die Stadtverwaltung hoffen, so ist in Presseberichten zu lesen, dass das Auto an Bedeutung verliert. 
Das sei Teil des Maßnahmenpakets zur Reutlinger Wohnbauoffensive, das vom Gemeinderat beschlossen worden war. »Wir befinden uns in einem geordneten Verfahren, so Ulrike Hotz.  »Und dann gibt es noch dieses neue und schöne Buskonzept, das ich wirklich gut finde. Aber wenn wir nur ein Auto pro Familie oder Wohneinheit rechnen, darauf ist man halt leider angewiesen, reicht der Platz hinten und vorne nicht«, so Bader. Die Parksituation hier in der Gegend sei sowieso schon angespannt. 
Genauso wie der Frust der vier Männer vom Schieferbuckel. Was vor allem nervt, sind die Reaktionen der Obrigkeit: Ignoranz gegenüber ihren Anliegen. 
Natürlich ist es auch nicht wenig, was sie fordern: ein Umdenken. Die Bauten umgebungsverträglicher zu gestalten, der Infrastruktur angepasst, eben pragmatisch. 
Um es umzusetzen, müsste die Stadt über ihren Schatten springen. Aber noch etwas schwebt über allem. Das vielleicht noch viel länger nachhallt. Dass aus ihrer bisherigen Erfahrung heraus die Anliegen besorgter Bürger nicht ernst genommen und auf Augenhöhe angehört werden . Das besorgt.