In der Mühlstraße feiern öfter Leute. Junge! Kaum einer, der älter als 25 ist. Natürlich auch junge Frauen. Eine üble Sache, die manchen Bürgern schlimm aufstößt. Da geht’s laut zu, es wird auch mal ein bisschen randaliert, Flaschen fliegen. Der allgemeine Biedersinn ist empört.
Nachbarn beschweren sich. Das ist in Tübingen nichts Neues. Man kennt es von den alten Marktplatz-Rempeleien des vergangenen Jahrhunderts. Anwohnende Dauernörgler setzen sich durch, Musiker, Akrobaten und Feuerspucker werden von Polizeikräften auf ihrem Rückzug begleitet und lassen in einer lauen Sommernacht ihr Publikum ratlos zurück. 
Das Ordnungsamt wird nervös und schreitet ein. Ortstermin in der Mühlstraße. Die Vertreter der Stadt versuchen zu vermitteln, suchen das Gespräch. Dass man Sozialpädagogen und Psychologen zur Unterstützung angefragt habe, bleibt ein Gerücht.

Die Mühlstraße ist ein Stück Stadtgeschichte. Gebaut wurde sie zwischen 1885 und 1887 anstelle des ehemaligen Mühlwegs, sie sollte die attraktivste und belebteste Straße Tübingens werden. Und das wurde sie: eine wichtige Adresse für den neuzeitlichen Luxus. Wein- und Tabakgeschäfte, Fotografen, Herrenausstatter und Juweliere gab es dort – und selbstständige Frauen, wie die Tanzlehrerin Lina Anweiler-Kloren und die Maschinenschreiberin Berta Wochele. 1942 betrieb hier Berta Leibbrand eine vegetarische Pension. Während des Nationalsozialismus war die Mühlstraße bis 1945 in Adolf-Hitler-Straße umbenannt worden.

Warum eigentlich die ganze Aufregung? Gegen den Geruch der Provinz verbreitet die Mühlstraße ein Odeur von Großstadt. Ohne das für Tübingen typische Fachwerk und Historisierende (von der Westmauer einmal abgesehen) entspricht sie einem städtebaulichen Stereotyp, das in der Kölner Südstadt, im Berliner Kiez oder im Stuttgarter Westen anzutreffen ist: belebte Verkehrsachse, trotz überteuerter Modellpflege ein bisschen hässlich, verkommen, verrußt und nach Abgasen stinkend, jedoch charmant. In Tübingen zur Tempo-30-Wohlfühlzone mit großzügigen Flächen für Fußgänger und Radler ausgestattet, wird in den Mühlstraßen anderswo in der zweiten Reihe geparkt, da gibt es türkische Gemüsehändler neben Handywerkstätten und Billigschmuckanbietern. Zwischendrin knattern qualmend Mopeds, Fahrradkuriere ziehen vorbei. Ein buntes, scheinbar ungeregeltes Nebeneinander, pulsierendes Stadtleben eben. Nein, die Rede ist nicht von Neu Delhi, sondern vom Verkehrsalltag in deutschen Städten (siehe oben!)

Neben den Interessen von Ladenpächtern, Wirten und Wohnenden gibt es auch diejenigen einer Öffentlichkeit, einer freien Gesellschaft, die sich ihre Lebensräume selbst schaffen darf. Die Möglichkeit dazu ist eine Errungenschaft, die hierzulande lange nicht selbstverständlich war, es vielerorts, auch in anderen Kulturen, bis heute nicht ist. 
Zur Erinnerung: Noch zu Beginn der 1980er-Jahre hatte in Tübingen nachts keine Tankstelle geöffnet, wer Sprit brauchte, musste nach Reutlingen. Sobald es dunkel wurde, verwaiste die Innenstadt schnell. Dunkel und still war’s auf der Neckarbrücke, allein der gründelnde Erpel war zu hören. Wer vor der Stiftskirche nach Mitternacht laut lachte, riskierte eine Verbalattacke aus einem aufgerissenen Fenster.

Inzwischen hat sich so manches verändert. Doch dem Tübinger Biotop droht neues Ungemach in Form administrativer Zwanghaftigkeit, gespeist aus obsessivem Spießertum.
In Tübingen müssen einige mal aufwachen, wenn sie es noch können. Keineswegs soll die Sinnhaftigkeit von Geschwindigkeitsbeschränkungen in Abrede gestellt werden. Aber wenn die Mühlstraße sukzessive Spielstraßen-Charakter bekommt, darf man sich nicht wundern, wenn dort nachts betrunkene Studenten herumliegen. Und Bürger, die sich in ihrer Ruhe gestört fühlen, brauchen nur den guten alten Ordnungshüter anzurufen. Wenn der freundliche Polizist dann sagt, er verstehe das ja alles, aber es gäbe gerade Wichtigeres zu tun, hilft nur Eines: wegziehen!

Ach so, die Stadtbahn! Führe dereinst die Stadtbahn durch die Mühlstraße, und so ist es geplant, wäre es mit dem Feiern dort wohl endgültig vorbei. Denn diese fährt unausweichlich auf Gleisen, Tag und Nacht. Und macht Geräusche. Feiern gegen Stadtbahnlärm geht irgendwie nicht.