Die Tübinger Tafel feiert heuer ihren 20sten Geburtstag. Vor einigen Tagen ist sie in ihr neues Domizil in der Eisenbahnstraße eingezogen (wir berichteten). »Dass ein solch reiches Land wie das unsrige Armutsunterstützung braucht, gibt zu bedenken«, sagte Dr. Christine Arbogast, Tübingens Ex-Bürgermeisterin und seit 1. Oktober neue Sozialdezernentin der Stadt Braunschweig, bei ihrer Eröffnungsrede zur Einweihung. Der gemeinnützige Verein hatte für den Laden in der Katharinenstraße Ersatz suchen müssen, weil er zu klein geworden war, um der wachsenden Nachfrage gerecht zu werden und alle Besucher aufnehmen zu können. Es sind dieselben Gründe, die schon vor dreizehn Jahren die Tafel nötigten, ihren ursprünglichen Standort in der Schwärzlocher Straße aufzugeben, den sie 1999 bezogen hatte. Anfangs versorgten dort 35 ehrenamtliche Mitarbeiter 125 bedürftige Menschen täglich mit Lebensmitteln. Derzeit sind bei der Tafel in der Universitätsstadt über 700 Bedarfsgemeinschaften mit rund 1 700 armen Personen aus der Stadt und dem Umland registriert, 800 davon sind Kinder. Eine alarmierende Zahl! 
Armut kann jeden treffen und sie ist hart. Besonders schlimm ist sie für Kinder, denn sie nimmt ihnen die Zukunft. 
In den 1990er-Jahren begannen in Deutschland Sozialabbau und Umverteilung, die Angst der Bevölkerung vor dem Verlust des Arbeitsplatzes und daraus folgender Armut nahm zu. Es war die Zeit von Deregulierung und Privatisierung, das Volkseinkommen stieg bis 1995 real um ein Drittel an, die Nettoreallöhne um weniger als ein Prozent. Das Wort »Gerechtigkeitslücke« machte die Runde. Es war auch die Zeit, in der bundesweit die ersten Tafel-Angebote entstanden. Laut Armutsbericht 2017, der gemeinsam vom Paritätischen Gesamtverband, Deutschem Kinderhilfswerk und anderen Organisationen herausgegeben wurde, sind 2,7 Millionen Kinder in Deutschland von Armut betroffen.
Hinzukommen geflüchtete Kinder und Jugendliche, die noch nicht erfasst sind sowie eine Dunkelziffer von in verdeckter Armut lebenden Familien. Angesichts einer seit Jahren boomenden Wirtschaft ist es skandalös, dass die Armuts-Zahlen weiter ansteigen. Politisch ist so gut wie nichts geschehen, um dem entgegenzusteuern. 
Immerhin hat die Landesregierung 2018 den »Ersten Armuts- und Reichtumsbericht Baden-Württemberg« mit dem Ideenwettbewerb »Strategien gegen Armut« vorgelegt - offenbar nach dem Motto »Lieber spät als gar nicht«. Singen und Tübingen werden im Bericht für ihr Engagement gegen Kinderarmut gelobt. Denn auch in Tübingen gab und gibt es erste Schritte gegen Kinderarmut. 2010 wurde die KinderCard eingeführt, bei der inzwischen über 60 Partner ermäßigte oder kostenfreie Zugänge zu Bildungs-, Freizeit- und Kulturangeboten ermöglichen. 2013 startete die Universitätsstadt in Kooperation mit dem Bündnis für Familie das Projekt »Gute Chancen für alle Kinder - mit Familien aktiv gegen Kinderarmut«.
Es mündete 2014 in einen Abschlussbericht. Das 2015 begonnene Projekt »Tübinger Ansprechpartner für Kinderarmut und Kinderchancen (TAPs)«, ein Netzwerk von Freiwilligen, das Bedürftigen Informationen zu Hilfen und Angeboten gibt oder vermittelt, arbeitet in Kooperation mit der Sozial- und Lebensberatung des Diakonischen Werks, das Projekt wurde bis zum Sommer durch die Stadt und das Diakonische Werk gefördert. Es wird seither, finanziell abgespeckt, von der Stadt weitergeführt. 
Viel Zeit ist vergangen, viele Erkenntnisse sind zu Papier gebracht worden. Dabei kann die Arbeit der zahlreichen freiwilligen Ehrenamtlichen sowie der karitativen Einrichtungen, die sich für bedürftige Menschen respektive Kinder engagieren, nicht hoch genug eingeschätzt werden. Ihnen gebührt Anerkennung.
800 Kinder in Tübingen und Umgebung, also rund 30 Schulklassen, werden von der Tafel mit Essen versorgt, damit sie nicht hungern! Und es werden mehr. Also allerhöchste Zeit für die Verantwortlichen im Tübinger Gemeinderat zu erkennen, dass die Zukunft nicht nur in Großprojekten liegt. Es muss Geld in die Hand genommen werden, um denen zu helfen, denen die Zukunft gehört.