»Kommt, es ist alles bereit« ist das Motto der zehnten Vesperkirche in Rottenburg. Die ökumenische Vesperkirche, die unter der Federführung der evangelischen Kirchengemeinde in den Räumen des evangelischen Gemeindezentrums stattfindet, ist in erster Linie ein Angebot für bedürftige Menschen. Sie bietet ihnen nicht nur eine warme Mahlzeit, sondern gleich ein ganzes Menü mit Suppe und Dessert.
Ein Mann, der anonym bleiben will, berichtet im Gespräch mit unserer Zeitung, dass er sich schon Monate vorher auf die Vesperkirche freut: »Ich lebe von vier Euro am Tag, da ist mehr als »Dosennahrung« vom Discounter nicht drin«. Und: die Vesperkirche sei immer eine große Erleichterung für ihn, »endlich geregelte und warme tolle Mahlzeiten.« Was er sich wünscht? Dass sie nicht nur drei Wochen im Januar und Februar stattfindet, sondern öfter im Jahr. Die Idee ist gut, denn die Vesperkirche hat während ihrer Öffnungszeiten immer volles Haus, und die Armut mancher Menschen in der Bevölkerung ist offensichtlich da. Da müsste es ein Angebot geben, um ihnen warme Mahlzeiten zu bieten.
In der Vesperkirche heißt das Prinzip Solidarität. Auf den Tischen stehen Spendengläser – wer mehr hat, gibt für Mahlzeiten mehr, andere geben weniger oder gar nichts. Die Vesperkirche trägt sich allein von den Spenden, Solidaresser sind ausdrücklich erwünscht. Unser Gesprächspartner kann nichts ins Glas werfen. Er ist froh darüber, dass dies akzeptiert wird und freut sich über die nette Tischgemeinschaft: »das ist wie eine kleine Familie«, meint er mit Tränen in den Augen. Früher habe er Grundsicherung bezogen, jetzt bekommt er Hartz IV. »Die Vesperkirchenzeit bedeutet für mich eine große Erleichterung, da ich oft tagelang nichts richtiges esse.« Gemüse und Salat etwa könne er sich aufgrund der hohen Preise nicht leisten, das bekommt er nur während der drei Wochen Vesperkirche. Er ist hager, ausgemergelt – und bestellt gleich ein zweites Mal das Hauptgericht. 
Das ist für Heide Mattheis und ihr 30-köpfiges Helferteam kein Problem. »Jeder soll hier satt werden«, sagt sie und freut sich, dass auch andere Bedürfnisse als Essen befriedigt werden. So gibt es Tischgespräche und eine nette Gemeinschaft, man kommt miteinander in Kontakt. Zudem gibt es Gesprächsangebote der Diakonin Susanne Mehlfeld, die auch Sozialberatung anbietet. Eine Friseurin schneidet bedürftigen Menschen, die dies wollen, zweimal in der Woche die Haare. »Zum Friseur zu gehen, kann ich mir von dem wenigen Geld, das ich monatlich bekomme, nicht leisten«, sagt einer ihrer »Kunden« – und auch ein Handy fehle ihm. Er glaubt, dass bedürftige und arme Menschen in unserer Gesellschaft abgestempelt werden – auch in Rottenburg. Wenn er zur Rottenburger Martinustafel gehe, gleiche dies einem »Coming Out« als Bedürftiger. Und: Im Tafelladen gebe es immer weniger Lebensmittel für die Bedürftigen, da das Angebot zurückgeht. Wenn er einen Salatkopf ergattern kann, ist er froh über die eigentlich notwendigen Vitamine. In der Vesperkirche liegen am Ausgang immer einige Tüten mit Salat, und der Weltladen spendete fast täglich Bananen, die die Leute mitnehmen dürfen. 
Die Vesperkirche ist schon eine tolle Sache. Noch besser wäre es, wenn sie auch mal im Somme, eben nicht nur für drei Wochen im Jahr, ihre Türen öffnen könnte. Mattheis sagt, dass man dafür halt auch Helfer finden müsste. Es ist also weiterhin jeder gefragt, selbst aktiv zu werden und sich für die benachteiligten Menschen zu engagieren.