Jetzt hat der Tübinger OB Boris Palmer wider Erwarten vom Zeitgeist doch noch einen Leidensgenossen zugeteilt bekommen. Seit dem FDP-Parteitag am vergangenen Wochenende steht der FDP-Vorsitzende Christian Lindner im Kreuzfeuer der Kritik, weil er sich nicht sicher wähnen wollte, wenn eine Person beim Bäcker »in gebrochenem Deutsch ein Brötchen« bestellt und die in der Schlange wartenden Menschen nicht ausmachen könnten, ob es ein »hochqualifizierter Entwickler künstlicher Intelligenz aus Indien« sei oder es sich um einen »bei uns illegal aufhaltenden, höchstens geduldeten Ausländer« handelt. Das passt eigentlich ganz gut zu der Palmerschen Feststellung, dass der dunkelhäutige Radfahrer, der ihn in Ulm schiergar umgefahren hätte, eigentlich nur ein Asylbewerber sein konnte. Lindner hatte prompt heftige Kritik einstecken müssen, Politiker der Grünen und der CDU hatten sich für den Liberalen in die Bresche geworfen und festgestellt, der FDP-Mann sei kein Rassist.


Diese Entlastung wurde indes Boris Palmer nicht zuteil. Der Aufschrei war groß in der Unistadt, die Lokalzeitung bot tagelang ein weites Feld von Attacken, die dem OB Rassismus vorhielten und im Gemeinderat versuchte vor allem die SPD, eine Resolution zu verabschieden, die Palmer zu einer Entschuldigung nötigte.
Der hatte lange Zeit versucht, sich herauszuwinden. Erst in der vergangenen Woche spricht er in der FAZ von einem »schweren Fehler«. Und zwar, weil er, wie er sagt, Statistik und Politik verwechselt habe. Nein, Boris Palmer kann nicht einfach sagen, dass er einen Fehler gemacht hat, Punkt! Deswegen ist es auch konsequent, wenn seine Parteifreunde ihn inzwischen ohne Einschränkung verurteilt haben. 
Was nicht geht, ist die Aufforderung der SPD, die von ihm eine Entschuldigung verlangte. Es soll nicht heißen, dass ein Palmer sich nicht entschuldigt (der Apfel fällt nicht weit...), aber jemanden, der wohl beratungsresistent ist, sollte man nicht um jeden Preis noch tiefer stoßen.
Ganz gut getroffen hat die Lage der Fraktionsführer der Tübinger List, Ernst Gumrich: »Die Entschuldigung eines Unbeirrbaren«, so schreibt er in einem Leserbrief, »wird wieder zur Rechtfertigung.«
Und damit er auch nicht missverstanden werden kann, fügt Gumrich noch hinzu: »Unsere Erwartungen (der Tübinger Liste) sind bescheidener: Wir wollen einen Oberbürgermeister, der den Menschen und Problemen der Stadt seine ganze Aufmerksamkeit gibt. Es täte Tübingen gut, wenn wir dies nicht erst von Herrn Palmers Nachfolger(-in) bekämen.«
Ob er dem Anspruch gerecht wird, nach zehn Jahren Amtszeit, darf bezweifelt werden. Ein Palmer muss anecken, mehr noch: Man erwartet es förmlich von ihm. Das führt dann wieder zum FDP-Mann, der auch um jeden Preis in der Öffentlichkeit auffallen will. Ja auffallen muss, denn jüngste Umfragen geben den Liberalen gerade mal acht Prozent.